Sarah hat Wut im Bauch. Denn gegen UK Online ist sie chancenlos. UK online, das steht für Universität und Kommunikation – doch in Sarahs Fall beschränkte sich Letzteres auf knappe Absagen per Mail. Beim Seminar über Rechtschreib-Erwerb machte ihr das elektronische Anmeldeverfahren einen Strich durch die Rechnung. Gleich bei beiden Terminen. Auch bei der Vorlesung über Aufsatz-Didaktik hieß es von UK online: Sorry.

Jetzt steht die 22-jährige Kölner Sonderpädagogik-Studentin ganz ohne Seminar da – dabei braucht sie die Scheine im Fach Deutsch dringend. Die Vergabe sei reine Willkür, klagt Sarah. "Manche bekommen viele Plätze, andere gar keinen." Auch nachträgliches Betteln half nicht. Die Veranstaltung sei voll bis zum letzten Platz, sogar überbelegt, antwortete die Dozentin auf Sarahs Mail. Vielleicht klappe es ja im nächsten Semester.

Sarah ist nicht allein mit ihrem Problem. Am Seminar für deutsche Sprache der Uni Köln ist der Notstand mit 800 fehlenden Seminarplätzen diesmal besonders groß. Auch Professor Erich Schön, Geschäftsführender Direktor am Fachbereich Germanistik, klagt über eine Auslastung, die "schon jetzt gegen 200 Prozent geht" und ein "Online-Anmeldeverfahren, das nicht funktioniert". Abhilfe ist nicht in Sicht.

Die Studenten haben damit begonnen, ihren Protest flächendeckend zu formieren. Die Seite www.seminarrauswurf.de sammelt Fälle wie den von Sarah. Entstanden ist das Projekt beim Asta der Gießener Uni; schnell haben sich andere Studentenvertretungen angeschlossen. Mittlerweile verzeichnet die Seite regen Zulauf: Fast täglich kommen Klagen aus allen deutschen Hochschulstandorten, allein in diesem Semester seien schon mehr als tausend Einzelfälle gemeldet worden, berichtet Alexander Vasil (29), der die Homepage betreut.

Als das Projekt im Frühjahr startete, waren es gerade ein paar Hundert. "Die Situation wurde bisher überall totgeschwiegen", sagt der Philosophiestudent. "Mit welchen kreativen Methoden der Mangel verwaltet wird, das kriegen wir erst jetzt wirklich heraus." Manche Dozenten ließen die Seminarteilnehmer untereinander abstimmen, wer den Raum verlassen muss. Andernorts würden einfach alle Brillenträger vor die Tür gesetzt, um die Teilnehmerzahl zu drücken. Unglaubliche Zustände, findet Vasil und ist sich sicher: "Das ist erst die Spitze des Eisbergs".

Für die Betroffenen ist es mehr als nur ein kleines Ärgernis, bei der Seminarplatzvergabe leer auszugehen. Schließlich ist auch der Bafög-Anspruch an Leistungsscheine gebunden – und liegen diese nicht bis zum Stichtag vor, gerät man in Erklärungsnot.  Bei seminarrauswurf.de gibt es "Rauswurfscheine" für Studenten, die bei Ämtern um Kulanz bitten müssen. Sie sind allerdings nur gültig, wenn sie vom Dozenten unterschrieben sind.

Besonders brisant werden die Seminarrauswürfe, wenn Studiengebühren anfallen. Hessen hat seinen Studenten eine Geld-zurück-Garantie versprochen, falls sich das Studium durch Verschulden der Hochschule verlängert. "Wenn das nachweislich so ist, soll das Semester beitragsfrei gestellt werden", sagt ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums. Weniger klar ist dabei jedoch, wie der Nachweis genau funktioniert und wer über die Rückerstattung entscheidet.

Denn ob Seminarplätze tatsächlich fehlen, ist manchmal gar nicht so einfach auszumachen. Anders als Asta-Mitarbeiter Vasil geht zum Beispiel Gießens Uni-Präsident Stefan Hormuth für seine Hochschule davon aus, dass das "Lehrangebot von der Quantität her ausreichend" ist. Das Problem sei eher, dass sich die Studenten nicht gleichmäßig auf die Veranstaltungen verteilten – Seminare mit attraktiven Titeln seien randvoll, während ein Dozent im Nebenraum nur mit ein paar Leuten diskutiere. "Es können eben nicht alle in die ‚Theorie der Zweierbeziehung’", sagt Hormuth. Online-Anmeldeverfahren sollten dafür sorgen, dass sich die Studenten besser auf die Angebote verteilen.

In Köln zumindest will man die Verantwortung nicht der Software allein überlassen und versucht, für einen Teil der 800 abgewiesenen Deutsch-Studenten zusätzliche Blockseminare zu organisieren. Leichter gesagt als getan. Denn jeder neu vergebene Lehrauftrag wird im folgenden Semester in die Studienplatz-Kapazität eingerechnet – die Verwaltungsarithmetik sorge dafür, dass die Lösung von heute den Notstand von morgen verschärft, klagt Erich Schön vom Seminar für deutsche Sprache. "Die Belastungsspirale dreht sich nur eine Runde weiter."

Dass das  Problem ein grundsätzliches ist, finden auch Alexander Vasil und seine Mitstreiter an anderen Hochschulen. Aber immerhin eines haben die Studentenvertreter festgestellt, seitdem es seminarrauswurf.de gibt: Mit der Masse an Fällen im Rücken können sie sich  bei den Uni-Verwaltungen leichter Gehör verschaffen.