S – O – L – N – A. Dorthin haben sie mich also gesteckt. Super-GAU. Als mich diese Nachricht von der Uni Stockholm erreicht hat, habe ich erstmal eine halbe Stunde Rotz und Wasser geheult. Dieses Kaff bedeutet: Wellblechhütten, Ausländerghetto und in meiner Adresse wird nicht einmal Stockholm stehen, sondern eben Solna. Kennt doch keiner.

Das Internet konnte zumindest mit der Buchstabenkombination "Campus Solna" etwas anfangen. Die Bilder, die das World Wide Web mir entgegenspuckte, linderten meine Tränenflut allerdings nicht: Die Wellblechhütten waren kein Gerücht. Schäbig, grau, klein, Niemandsland, vom Venedig des Nordens keine Spur.

Bei meiner Ankunft in Solna war viel Wasser da. Nur leider kam es von oben. Und die Bewohner Solnas haben diesen trostlosen Flecken voller Wellblechhütten scheinbar auch aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Campus Solna? Der Kartenkontrolleur im Glaskasten an der U-Bahnstation kramte eine Karte hervor, rückte seine Lesebrille zurecht und fuhr mit dem Finger alle Straßen in Solna ab. Kein Campus. Die Mutter vor der U-Bahnstation drehte sich mit ihrer Tochter an der Hand einmal im Kreis und fuchtelte schließlich mit beiden Armen in eine Richtung. Irgendwo dahin. Über die Brücke. Glaube ich. Die Frau mit dem Handy am Ohr zuckte nur mit den Achseln. Tut mir leid. Diese Schweden waren hilfsbereit, aber keine Hilfe. Das tat weder meiner Laune gut, noch meiner körperlichen Verfassung. 28 Kilo Koffer und 10 Kilo Handgepäck drücken irgendwann auf die Stimmung.

Aber es ging aufwärts. Denn plötzlich, wie aus dem Nichts, lag der Campus vor mir. Auf einer kleinen Anhöhe tummelten sich dicht an dicht viele kleine Hütten. Links und rechts ein bisschen Grün, Büsche, Sträucher und Bäumchen, dahinter eine Schnellstraße, daneben wuchtige Hochhäuser. Eine lange Straße führt bergauf ins Hüttenlager – und noch weiter, denn alle 70 Häuschen stehen aufgereiht wie an einer Perlenschnur auf dieser stillgelegten Chaussee. Längliche, graue, etwa ein Meter hohe, wuchtige Betonpoller versperren zu beiden Seiten den Weg. Zweifelhafte Graffitikünstler haben sich vergeblich bemüht, das Grau zu verschönern. Ob Schwerlaster auf der Schnellstraße sich von den Betonklötzen beeindruckt zeigen und rechtzeitig die Kurve kratzen? Das Ganze erinnerte mich eher an Schuhschachtelhausen, das beim ersten Fingerzeig Frau Holles wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Missmutig zerrte ich meinen roten Koffer den Berg hinauf…

Das war damals, vor fünf Monaten. Inzwischen bin ich angekommen und eine waschechte Lokalpatriotin. Als allererstes galt es bei Familie und Freunden in der Heimat klarzustellen: Ich bin Herrin über 18 hölzerne, typisch schwedische Quadratmeter. Denn: Meine Wellblechhütte ist gar keine Wellblechhütte, sondern eine Holzhütte. Nicht schwedenrot, sondern hellblau. Nicht groß, aber oho. Zwar soll es auch jetzt noch Dorfbewohner geben, die unter Lokalmasochismus leiden und ihr Häuschen als "Container" bezeichnen – das berichtete mir zumindest mein Nachbar mit gerümpfter Nase. Aber das sind Ausnahmen.