"Da wird doch gerne gerudert", ist eine der typischen Antworten auf die Frage, was an der Uni Oxford besonders ist. "Lange Tradition", "elitäre Atmosphäre" und "viele alte Gebäude", hört man auch gerne. Kaum jemand würde jedoch sagen: "Das Lehrsystem." Während all die Oxford-Stereotypen sicher mehr oder weniger zutreffend sind, macht doch wirklich erst das Lehrsystem diese Uni zu dem, was sie für Studenten und Lehrende ist: ein akademisches Mekka. Die individuelle Betreuung hat daran großen Anteil.

"Früher in der Schule habe ich nur so in fünf Prozent aller Fälle Hausaufgaben gemacht." Dass er in Oxford so nicht mehr durchkommen würde, war dem deutschen Studenten Till Krämer schon vor Beginn seines Studiums klar. Der Grund dafür sind die Tutorien, die Hauptlehrmethode in Oxford. "Sie sind definitiv mein akademisches Highlight hier", schwärmt Till, der Informatik und Mathematik studiert.

Für die zwei einstündigen Treffen mit seinem Tutor pro Woche muss der 19-Jährige allerdings auch richtig ranklotzen und einen Berg von Aufgaben lösen, die vor dem Tutorium einzureichen sind. "Unsere Ergebnisse sprechen ich und ein Mitstudent dann in den Tutorien ausführlich mit unserem Tutor durch." Aber dabei bleibt es natürlich nicht: Die Tutoren, die allesamt Experten in ihrem Fachgebiet sind, mögen es gerade in geisteswissenschaftlichen Fächern gerne, ihre Studenten ordentlich herauszufordern und provozieren akademische Dispute manchmal geradezu. "In meinen Fächern können wir leider nicht so gut diskutieren - über Formeln streitet man in der Regel nicht - aber gerade die Philosophie-Studenten scheinen sich manchmal regelrechte Redeschlachten mit ihren Tutoren zu liefern", sagt Till.

Was Aufgabenzettel in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern sind, sind Aufsätze in geisteswissenschaftlichen Fächern. Zwei davon schreiben die Jungakademiker in der Regel pro Woche. Die Informationen für diese Essays müssen die Studenten dabei komplett selber zusammentragen und das Recherchieren und Schreiben ist für die angehenden Geisteswissenschaftler schon manchmal schwer zwischen Vorlesungen und anderen Verpflichtungen unterzubringen. Da bleibt nur ein Ausweg: Nachtarbeit.

"Ich habe mir hier schon so manche Nacht um die Ohren geschlagen und man hört, dass das selbst Studenten passiert, die nur Essays schreiben müssen", erzählt Till. Das späte Schuften an akademischen Aufsätzen, unter den Oxforder Studenten nur als "Aufsatz-Krise" bekannt, treibt so manch merkwürdige Blüte: So sieht man auch nachts noch häufig kleine Menschentrauben vor den zahlreichen Dönerbuden in der Stadt stehen – eine kleine Stärkung für den nachts arbeitenden Studenten muss eben schon sein.

Das Tutorien-System hat in Oxford Tradition. Während die Universität schon immer zentrale Vorlesungen für alle Studenten anbot, hatten die einzelnen Colleges der Universität dafür zu sorgen, dass jeder Student sein Fachwissen in Tutorien vertiefen konnte. Auf diese Art wird in Großbritannien sonst nur beim Erzrivalen Cambridge gelehrt, wo die Tutorien "Supervisions" heißen.