Zieht man an dem Pinsel, wippen seine Arme, die beide im ausgestreckten Mittelfinger enden, in die Höhe: Zum blauen Hemd trägt der 1,70 Meter Große eine schwarze Hose. Er, das ist der junge Maler Martin Galle, genauer: Ein Selbstbildnis, ein lebensgroßer Hampelmann, der an der Wand herum turnt, sich abrackert und sich über eine gaffende Masse mokiert, die sich unaufhörlich fragt: Ist er es, dessen Werk bald für mehrere tausend Dollar bei Christie's über den Auktionstisch geht? Ist er der neue Shootingstar der Szene, ein neuer Rauch, ein zweiter Weischer? "Me, myself and HGB" hat Martin Galle sein schelmisch turnendes Kunstwerk genannt, das jeder sehen konnte, der Anfang Februar anlässlich der jährlichen Ausstellung der Studenten die renommierte Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) betrat.

Zum "Rundgang", dem Ausstellungshöhepunkt im HGB-Jahr, kommen immer häufiger Galeristen, die bei der Leistungsschau durch die heiligen Hallen und um die nervösen Studenten schleichen – auf der Suche nach den Shootingstars von morgen. "Das setzt unter Druck", sagt Steffi Dost, eine, die den Rummel aus den vergangenen Jahren kennt: Die 26-Jährige machte im vergangenen Jahr ihr Diplom in der Malereiklasse, die Neo Rauch im Herbst 2005 von Künstlerprofessor Arno Rink übernahm.

Die HGB gilt als Talentschmiede – vor allem die Malereiausbildung mit dem Label der "Neuen Leipziger Schule" ist um die Jahrtausendwende weltweit berühmt geworden, nachdem der Galerist Gerd Harry Lybke nach der Wende Leipziger Künstler schon in jungen Jahren zu Stars machte. Zwar werden die Studenten seither schon früh vom internationalen Kunstmarkt umworben. Dennoch haben sie oft Selbstzweifel. "Ich war oft verklemmt während des Studiums. Doch mein Dickkopf hat mich vorangebracht, nicht aufzugeben, selbst wenn da zehn andere waren, die eine Nase besser malen konnten", sagt Steffi Dost. Sie stellte bereits vor dem Diplom in New York aus – gemeinsam mit den üblichen Leipziger Schule-Verdächtigen Martin Kobe, Matthias Weischer und Thilo Baumgärtel.

Vom Rummel, der um die Leipziger Schule gemacht wird, profitieren die Studenten, aber nicht nur die der Malereiklassen, denn die HGB bietet mehr: Ronald Gerber zum Beispiel studiert im neunten Semester Medienkunst. Beim Rundgang präsentierte sich der 26-Jährige mit einer Video-Performance: Er schlüpfte in die Rolle zweier fiktiver Freunde. Der eine argumentiert, er solle sein Studium hinwerfen und lieber etwas Solides machen, der andere spricht ihm Mut zu. Zwischen diesen beiden Extremen fühle er sich täglich hin- und hergerissen fühle, sagt Gerber. Welcher Freund denn gerade vorne liegt? "Der letztere", sagt Gerber und erzählt dann, dass ihn eine Galeristin auf sein Video angesprochen habe – nun nimmt sie ihn unter Vertrag. Der HGB sei Dank. Dennoch fühle sich der Medienkunststudent, der kurz vor seinem Abschluss steht, noch nicht gänzlich bereit für den freien Markt. Viele Studenten werfen der HGB vor, unzureichend darauf vorzubereiten.

Sollte die Schule etwas für diejenigen tun, denen die Galeristen nicht nachlaufen? Wo endet die Ausbildung, wo beginnt der Ausverkauf? Timm Rautert, seit vierzehn Jahren Professor für Fotografie, lässt seine Studenten ab und zu Ausstellungen organisieren. "Ich lehre Kunst als Beruf", sagt der 65-Jährige. Er warne davor, Kunst zu früh zu kommerzialisieren: "Ich bin nicht der Galerist meiner Studenten und möchte das auch nicht sein." Allerdings könne man auch nicht so tun, als wolle man mit seinen Werken später kein Geld verdienen.