Warum die reichste Universität der Welt den Klingelbeutel herumreichen muss.

Harvard, die älteste und reichste Universität Amerikas, protzt mit einem Stiftungskapital von 29 Milliarden Dollar. Im Verhältnis zur deutschen Hochschullandschaft eine stattliche Summe: Die 376 Hochschulen besitzen so gut wie gar kein Vermögen und dürfen im Jahr 14 Milliarden Euro für rund zwei Millionen Studenten ausgeben.

Doch knabbert Harvard neuerdings am Hungertuch, glaubt es jedenfalls selbst. Wie das möglich ist? Die Antwort liegt im traditionell üblen Verhältnis zwischen der reichsten Uni der Welt und ihrem Heimatort, der Stadt Cambridge, ein eigenständiger Stadtteil Bostons. Cambridge mag Harvard nicht, Weltruhm hin oder her. Denn amerikanische Universitäten sind gemeinnützige Institutionen, die zwar die städtische Infrastruktur benutzen, aber keine Steuern zahlen müssen. Deshalb war vor Jahrzehnten der legendäre Bürgermeister Alfred Velluci mit dem hübschen Plan hervorgetreten: "Walzt den Harvard Yard nieder und macht einen Parkplatz daraus."

Seitdem zahlt Harvard ein erkleckliches Sümmchen freiwillig an die Stadt. Aber Cambridge mag Harvard noch immer nicht und behindert nach Kräften die Expansionspläne der Universität. Harvard möchte nämlich seinen Campus erweitern, doch weicht jetzt stattdessen Schritt um Schritt nach Allston auf der anderen Seite des Flusses aus.

In Allston soll praktisch eine Kopie der jetzigen Universität entstehen, um ihr Raum zum Wachsen zu geben. Aber Landerwerb und Neubauten sind bekanntlich teuer, Harvard braucht also viel frisches Geld. Fazit von Richard Bradley, Autor des Buches Harvard Rules : "Harvard muss eine Kapital-Kampagne auflegen - erstens, weil die sowieso überfällig ist, und zweitens, weil Allston teuer ist."

Harvard muss also in der nächsten Zeit viel Geld sammeln, jedem potenziellen Spender seine doch allzu missliche Finanzlage verdeutlichen - "Harvard am Hungertuch", so wird die Botschaft lauten. Doch Harvards Fundraiser sind nicht die einzigen, die sich demnächst auf Ochsentour durch Amerikas Gönnergemeinde aufmachen werden. Alle anderen Spitzen-Unis ebenso, wiewohl Stanford oder Cornell nur vier Milliarden Dollar ins Auge fassen. Harvard spricht dagegen unscharf von einer "größeren Kapitalkampagne" - zehn Milliarden Dollar werden es gewisslich sein.

Doch am Ende dieses "Hungertuch-Szenarios" bleibt eine gute Nachricht: Die Flucht in die Sozialhilfe bleibt der Cambridger Uni erspart. Pro Jahr kann Harvard noch immer drei Milliarden Dollar für seine 20 000 Studenten ausgeben. Das sind rein rechnerisch 150.000 Dollar pro Student. Zum Vergleich die entsprechende Zahl für die deutschen Studis: 7000 Euro, nach aktuellem Wechselkurs 9000 Dollar pro Jahr und Kopf.