Pascals* Zuhause ist ungefähr so groß wie ein Zimmer im Studentenwohnheim. Auf 12 Quadratmetern drängen sich ein Hochbett, ein Tisch und ein Waschbecken. Die Räume sind hoch, typisch für einen Altbau. Es riecht nach frisch gebohnertem Linoleum und PVC. Am Ende des Raums, gegenüber der schweren Tür mit der klassischen Klappe zum Durchreichen von Essen, befindet sich ein Fenster aus Milchglas, das man stehend nicht erreichen kann. Pascal sitzt in Freiburg im Knast – und ist Student. Der 30-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre an der FernUni Hagen. Und das sogar relativ bequem – nämlich online.

Früher war es nicht so einfach: In Sammeltransporten ging es nach Hagen zur Prüfung. Das sind die üblichen Gefangenentransporte, die von Anstalt zu Anstalt in einem festgelegten zeitlich Turnus fahren. Direktfahrten von Freiburg nach Hagen gab es nicht. Mit dem Bus ging es von einem Knast in den nächsten. Zwischendurch gab es immer wieder Wartezeiten von bis zu drei Tagen auf die nächste "Mitfahrgelegenheit". Zur Prüfung nach Hagen "war das eine halbe Weltreise und konnte schon mal zwei Wochen dauern", erinnert sich Jochen*, der eine längere Haftstrafe in Freiburg absitzt und im zwölften Semester Informatik studiert. Jetzt können Prüfungen mündlich via Videokonferenz oder schriftlich per E-Mail abgelegt werden. Den Studenten steht dafür ein Computerraum zur Verfügung. Ein eigener PC auf der Zelle ist nicht erlaubt. Die Prüfungen werden in einem separaten Raum unter Aufsicht abgelegt.

In Freiburg studieren aktuell 21 Gefangene, etwa 150 besuchen regelmäßig die Schule. Insgesamt sind etwa 800 Personen inhaftiert. Seit 2003 läuft das Projekt "Online-Studium" in Kooperation mit der FernUni Hagen und dem Fernstudienzentrum der Uni Karlsruhe. "Das Online-Studium hat sehr viele Vorteile gebracht", sagt der Leiter des Bildungszentrums Reinhard Sprehe. Trotzdem gibt es dieses Projekt außer in Freiburg nur noch in Berlin Tegel. Die Auswahlkriterien für ein Studium sind hart. Ohne geeignete Voraussetzungen und die Zustimmung der Verantwortlichen kann sich keiner einschreiben. "Aus eigener Entscheidung allein wird hier niemand Student", erläutert der stellvertretende Leiter der JVA Freiburg Gerhard Maurer-Hellstern.
 
Ob ein Gefangener studieren darf, entscheidet eine Konferenz aus Pädagogen, Psychiatern und der Anstaltsleitung. In dieser wird jährlich festgelegt, was mit dem Inhaftierten während seiner Strafzeit passieren soll. Eine Voraussetzung ist, wie bei einem "normalen" Studium auch, dass der angehende Student vorab die entsprechende Schulbildung durchlaufen hat. JVA-Leiter Thomas Rösch erläutert: "Es ist ein seltener Fall, dass Gefangene das Abitur oder die Fachhochschulreife mitbringen." Deshalb würden vor allem Personen mit einer langen Haftstrafe studieren, die hier zuerst das komplette Ausbildungsprogramm von Haupt-, Real- und Berufsoberschule absolviert hätten. Eine weitere Voraussetzung sei, dass sich das Studium positiv auf die Defizite des Inhaftierten auswirke. "Oberstes Ziel ist die Resozialisierung", betont Rösch. Und diese hänge damit zusammen, Chancen und Perspektiven zu vermitteln: "Dazu gehört auch die Bildung, durch die eine positive Persönlichkeitsänderung eintreten kann", so der Anstaltsleiter.

"Es war mein erster Gedanke, hier zu studieren", erzählt der 35-jährige Jochen, ebenfalls Insasse in der JVA Freiburg. Ruhig sitzt der 1,90-Meter-Mann da, lehnt sich entspannt zurück, mustert sein Gegenüber und beantwortet geduldig fast alle Fragen. Nur die Frage, warum er einsitzt, erlaubt er nicht – um von anderen nicht erkannt zu werden. Nach so langer Zeit weiß er, wie der "Hase hier läuft" und spielt damit auf den besonderen Status der Studenten an. Denn als Student muss man nicht wie der Großteil der anderen Inhaftierten täglich zur Arbeit in die gefängnisinternen Betriebe, sondern kann den ganzen Tag auf der Zelle oder im Computerraum lernen. Da ernte man manchmal schon den einen oder anderen dummen Spruch, gibt er nur widerwillig zu. Das sei aber schon alles.

Jochen wollte die Zeit unbedingt sinnvoll nutzen. Mit 29 Jahren hat er deshalb mit dem Informatikstudium angefangen. Jetzt steht er kurz vor seiner Entlassung und unmittelbar vor wichtigen Prüfungen. Seine Zelle ist deshalb in einem anderen, ausgelagerten Trakt. Sie ist größer und er darf sogar einen PC "auf Zelle" haben, um sich auf die Prüfungen vorzubereiten. Es ist eine wohnliche Unterkunft im Vergleich zu den "normalen" Zellen. Auf den Regalen stehen viele Bücher über Java, PHP und alles, was mit Informatik zu tun hat. Auf einer Wäscheleine, die quer durch das Zimmer gespannt ist, hängen Hemden und Hosen zum Trocknen. Ob ihm das Studium nach seiner Entlassung etwas bringen wird, das sieht er skeptisch: "Ich muss abwarten, was sich ergibt." Er sieht die besten Möglichkeiten, um später einen Job zu finden, in einem Informatikstudium. Eines aber hat er schon während des Studiums hinter Gittern gelernt: "Eine Sache konsequent zu verfolgen und eine gewisse Beharrlichkeit an den Tag zu legen."

Pascal hingegen kann von den Erleichterungen, die Jochen genießt, nur träumen. Er muss sich mit einer zwölf Quadratmeter großen Zelle zufrieden geben. Erschwerend kommt hinzu, dass er das Studium draußen an einer Universität schon kennen lernen durfte. Jetzt studiert er mittlerweile im dreizehnten Semester BWL – im alten, sternenförmigen Trakt der JVA Freiburg. Normalerweise sind die Zellen doppelt belegt – Studenten bekommen jedoch oft eine Einzelzelle, um in Ruhe lernen zu können. Pascal wirkt noch jung und hier irgendwie deplatziert. Er ist etwas nervös. Auch er möchte nicht verraten, warum er einsitzt – zum eigenen Schutz, sagt er. Für das Studium hatte sich der 30-Jährige extra nach Freiburg verlegen lassen. Jetzt stehe er allerdings vor dem Problem, dass er vielleicht schon vor Abschluss des Studiums abgeschoben werden könnte; warum, das verrät er nicht. "Ich würde gerne hier bleiben, fertig studieren und mir später ein neues Leben aufbauen", wünscht sich Pascal deshalb. Ihn habe das Studium im Knast "persönlich und menschlich" weitergebracht.

Werner* studiert in Berlin Tegel und genießt im gelockerten Vollzug mehr Privilegien als seine Freiburger Kollegen Pascal und Jochen. Er ist einer von knapp 10 Teilzeitstudenten, die in ihrer Freizeit pauken. Nur fünf Gefangene studieren in Vollzeit. "Da ich gelockert bin, kann ich ins Fernstudienzentrum an der Humboldtuniversität gehen und die dortigen Einrichtungen nutzen", erzählt Werner. Leider könne er die Kurse nicht besuchen, da sie außerhalb der Zeiten für Ausgänge liegen würden. Mit seinem Teilzeitstudium möchte er vor allem der "geistigen Verblödung" entgegenwirken. Seine Wünsche gehen aber weiter: "Ich habe den Traum, einen akademischen Abschluss zu erreichen und später vielleicht zu promovieren." Dennoch sieht er seine Zukunft nicht unproblematisch: Für einen entlassenen Häftling sei es noch komplizierter, sich auf dem ohnehin schwierigen Arbeitsmarkt zu bewähren. "Die Perspektiven sind trotzdem besser: Wer einen akademischen Grad hat, wird wohl kaum mit Ede an der Theke einen ‚Bruch’ planen", sagt er.

Dass das Knast-Studium durchaus eine Hilfe zur erneuten Eingliederung in die Gesellschaft sein kann, zeigt sich an vereinzelten positiven Rückmeldungen ehemaliger Studenten. "Mein Leben ist alles wieder in Ordnung", steht in etwas holprigem Deutsch auf einer Postkarte aus China, die der Freiburger Schulleiter Sprehe stolz präsentiert. Der Verfasser der Karte sei nach Abschluss des Studiums nach China abgeschoben worden und habe dort sogleich Arbeit gefunden. Ähnliche Beispiele gibt es auch für deutsche Studenten. Feste Anstellungen würden vor allem Informatikstudenten schnell finden, die sich teilweise schon während des Freigangs in einem Praktikum bei der jeweiligen Firma bewährt hätten. "Die Bildungsmaßnahmen senken den Rückfall. Das kann man statistisch festmachen", bekräftigt Anstaltsleiter Rösch.

"Die Einführung des Online-Studiums ist dabei wichtig", sagt Sprehe. Es sei einfacher mit Professoren und Kommilitonen zeitnah in Kontakt zu treten. Außerdem könnten Online-Praktika abgehalten werden. Die "stressfreieren" Prüfungen hätten außerdem den Notendurchschnitt gesteigert. Sein Freiburger Kollege und JVA-Chef Rösch fügt hinzu: "Missbrauch kommt selten vor, die Studenten kontrollieren sich untereinander. Diese Chance wollen sie sich nicht entgehen lassen." Der Internetzugang sei auf die Seiten der FernUni Hagen beschränkt. In regelmäßigen Abständen würden die Computer kontrolliert. Von jeder Mail oder jedem Newsgroup-Beitrag müsse zudem eine Kopie an den Administrator geschickt werden. Häftling Jochen meint, dass man schon indirekten Kontakt zu Kommilitonen draußen habe - allerdings auf rein fachlicher Basis. Oft würden die aber gar nicht wissen, dass sie es mit einem Knacki zu tun haben, sagt er, und fügt schnell hinzu: "Das erzählt man nicht so gerne."

*Namen geändert