NS-Vergangenheit holt Uni ein – Seite 1

Der Jöttenweg ist eine nette kleine Straße mit schönen Bäumen. Ihm gegenüber liegt das Alexander-von-Humboldt-Haus, die Robert-Koch-Straße befindet sich in unmittelbarer Nähe. Karl Wilhelm Jötten befindet sich, rein städtebaulich, in guter Gesellschaft. Bis vor wenigen Tagen wies ein Schild unter dem Straßennamen darauf hin, dass Jötten von 1924 bis 1958 Direktor des Instituts für Hygiene in Münster war. Jetzt ist dieses Schild mit weiteren Informationen überklebt worden: "Prof. Dr. Karl Jötten, Mitglied der NSDAP, Rassenhygienische Forschung an 4300 Kindern 1924 – 1945, Befürworter des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 und der Zwangssterilisation von ‚Minderwertigen´."

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) brachte das neue Schild an, nachdem bekannt geworden war, dass an der Uni Münster zur Zeit des Nationalsozialismus Rassenforscher tätig waren, die auch nach Ende der NS-Herrschaft weiter arbeiteten und forschten.

Neu ist diese Information nicht: Bereits 2001 widmete Jan Nikolas Dicke diesem Thema seine Examensarbeit. Titel: "Eugenik und Rassenhygiene im wissenschaftlichen Diskurs der Universität und des Gesundheitswesens der Stadt Münster 1918–1939." Der Historiker fand heraus, dass Jötten gemeinsam mit seinem Assistenten Heinz Reploh erbhygienische Untersuchungen an 4300 Hilfsschülern zwischen sieben und fünfzehn Jahren, unter anderem aus der Taubstummenanstalt Langenhorst, durchgeführt hat. Jötten forschte aber auch nach dem Ende des Nazi-Regimes weiter: Bis zu seinem Tod im Jahr 1958 blieb er Direktor des Instituts für Hygiene. Für seine Forschungsarbeiten im Bereich der Arbeitshygiene erhielt er sogar das Bundesverdienstkreuz.

Dickes Arbeit ist eine der wenigen, die sich kritisch mit dem Thema Eugenik und Rassenhygiene in Münster auseinandersetzen. "Das hat möglicherweise auch etwas mit den Seilschaften an der Uni zu tun. Viele Mitarbeiter, die belastet waren, haben sich weit über 1945 hinaus hier gehalten", sagte Dicke zu ZEIT online . "Außerdem ist die Quellenlage außerordentlich schlecht. Wesentliche Akten sind bei Bombenangriffen verbrannt."

Notiz genommen hatte von Dickes Arbeit bisher kaum jemand. Erst ein freier Journalist der Münsterschen Zeitung machte die Universität auf die sechs Jahre alten Forschungsergebnisse aufmerksam. Jetzt ist die Arbeit, die seit drei Jahren in Buchform in der Universitätsbibliothek steht, dort vergriffen und für die nächsten drei Monate reserviert.

"In Fachkreisen ist die Arbeit schon länger bekannt, allerdings wurde sie in einem relativ kleinen Verlag publiziert, und auch von Seiten der Universität sah man nicht so die Notwendigkeit, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das ist sicherlich auch ein schmerzhafter Prozess für jede Institution, sich mit einer solchen Vergangenheit auseinanderzusetzen", sagt Dicke.

Die Uni teilte mit, man werde sich jetzt um Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bemühen. Eine Untersuchungskommission, in der "renommierte Mediziner, Historiker und Juristen zusammenarbeiten", soll sich mit dem Thema befassen. Auch Studierende sollten in dem Gremium mitwirken, hieß es von Seiten der Universität. "Die Hinweise, die bisher zur Biografie Jöttens vorliegen, werfen einen Schatten auf die Geschichte unserer Universität. Um Klarheit zu bekommen und gegebenenfalls Konsequenzen ziehen zu können, gibt es nur einen angemessenen Umgang mit dem Thema: schnelle und rückhaltlose Aufklärung", teilten Rektorin Ursula Nelles und Dekan Volker Arolt in einer gemeinsamen Stellungnahme mit.

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Auch die Studierenden sorgen sich um den Umgang ihrer Universität mit der Vergangenheit. "Es geht nicht um einen dunklen Fleck, sondern um die Bedeutung der Uni Münster für die rassistische Medizinforschung im Nationalsozialismus und ihre Kontinuität danach", sagt AStA-Referentin Annelie Kaufmann. Eine kritische Auseinandersetzung mit der "Rassenforschung" habe es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben.

Dass der öffentliche Aufschrei so lange ausgeblieben ist, wundert Hans-Peter Körner nicht. Körner ist Professor für Medizingeschichte am Institut für Ethik der Medizin in Münster. "Was wissenschaftlich veröffentlicht wird, wird noch lange nicht politisch wahrgenommen", sagte er zu ZEIT online . "Ich habe Forschungen über einen der führenden Rassenhygieniker, Ottmar von Verschuer, veröffentlicht – kaum eine Reaktion."

Verschuer hatte schon vor der NS-Zeit im Jahr 1927 die Zwangssterilisierung der "geistig und moralisch Minderwertigen" empfohlen. Er war Doktorvater des KZ-Arztes Joseph Mengele, der in Auschwitz Häftlinge im Namen der Wissenschaft quälte und für seine Forschungen missbrauchte. 1946 wurde Verschuer von den Alliierten inhaftiert, 1951 erhielt er einen Ruf an die Uni Münster, wo der bekannte Zwillingsforscher eine der größten Forschungsstellen für Humangenetik in Westdeutschland aufbaute. 1965 ging er in den Ruhestand, er starb 1969.

"Wie radikal Jötten war, muss wissenschaftlich geprüft werden", sagt Körner. "Im Dritten Reich standen alle Mediziner unter dem Druck, sich als Rassenhygieniker auszuweisen. Über 50 Prozent waren Mitglied in der NSDAP. Soweit ich weiß, fing Jötten, im Gegensatz zu Verschuer, erst nach 1933 an, sich mit dem Thema zu befassen."

Körner wünscht sich seit langem, dass die Universität endlich mit der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit beginnt. Er selbst hat dazu ein Forschungsprojekt entwickelt. Auch die Stadt Münster wünscht Aufklärung. "Wir haben der Universität mitgeteilt, dass wir an einer schnellen Aufarbeitung interessiert sind", sagt Sprecher Joachim Schiek. An negative Folgen für den Hochschulstandort Münster glaubt er nicht: "Die Universität sagt, sie wolle gründliche Aufklärungsarbeit leisten und nimmt diese Aufgabe sehr ernst. Das ehrt sie."

Erst, wenn eine gründliche Aufarbeitung erfolgt sei, könne man über politische Konsequenzen wie die Umbenennung des Jöttenwegs nachdenken, sagt Schiek. Dabei sei allerdings auch zu bedenken, dass ein "ganzer Rattenschwanz an Formalien" an einer solchen Entscheidung hänge. Stadtpläne und Telefonbücher müssten geändert werden, Anwohner müssten Bekannten mitteilen, dass sie eine neue Adresse haben. Eine Anliegerbefragung über eine Namensänderung in einem anderen Fall habe vor einigen Jahren ein klares "Nein" ergeben. "Allerdings ging es dabei auch nicht um Nazigrößen", räumt Schiek ein.