Ein Auslandssemester in Spanien, Italien oder England? Stephanie Rohde, 21, und Sean Dunn, 22, wäre das vermutlich viel zu gewöhnlich. Die beiden Freiburger Studenten haben ein viel ausgefalleneres Ziel: Dieses Wintersemester verbringen beide in Iran, einem Land, das in der studentischen Beliebheitsskala für Auslandsaufenthalte klar einen der hinteren Plätze einnimmt.

Durch ein Abkommen ihrer Universität mit der iranischen Partnerstadt Isfahan gibt es jedes Jahr zwei Plätze für einen Aufenthalt in Iran, doch im zuständigen Referat gibt es keine große Nachfrage. Auch beim Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) gehen alljährlich nicht mehr als eine Hand voll Anträge für einen Aufenthalt in Iran ein. Viel häufiger kommen iranische Studenten nach Deutschland.

Was also zieht die Geschichtsstudentin und den Studenten der Soziologie in ein Land, von dem in den Nachrichten meist nur die Rede ist im Zusammenhang mit Atomplänen und einem unberechenbaren Diktator? Bei Sean war es Zufall: Eigentlich wollte er einen Spanisch-Sprachkurs belegen, die waren aber alle belegt, so landete er im Persisch-Kurs. Dort lernt auch Stephanie die Sprache. Sie allerdings war im vergangenen Jahr schon einmal mehrere Wochen in Iran unterwegs. Drei Semester haben beide die Sprache nun studiert, der Grundstock für die Verständigung ist gelegt.

Wenn Sean und Stephanie über Iran und über ihre Entscheidung, dort ein Semester zu verbringen, sprechen sie oft von "Faszination". "Faszinierend an Iran ist, dass sich Kultur und tägliches Leben so sehr von dem, was wir kennen, unterscheiden. Ich will sehen, wie wichtig mir die Dinge sind, an die ich gewohnt bin", sagt Sean. Stephanie ergänzt: "Man stößt dort im Gespräch auf so viele verschiedene Ansichten, mir kommt die Bevölkerung viel pluralistischer und facettenreicher vor als unsere, gerade, weil manche Menschen dort radikalere Ansichten vertreten, die man hier nicht findet."

Iran ist eben mehr als Ahmadinejad und Mullah, nämlich eine alte Kulturnation, eine sehr gastfreundliche Nation, eine Nation mit touristischen Highlights wie Teheran, Isfahan oder Persepolis – allesamt Städte, die selbstverständlich auf dem Programm der beiden Studenten stehen.

Doch ein Jahr in Iran zu leben, bedeutet eben auch, ein Jahr lang auf Alkohol zu verzichten, ein Jahr lang auf der Straße strenge Bekleidungsvorschriften zu befolgen. Auch wenn die nicht so streng sind wie es manchmal in den deutschen Medien erscheint. "Meine Freiheiten als Frau radikal in Frage zu stellen ist auch ein Teil meines Projektes", sagt Stephanie. Sie hofft, sich durch die Erfahrung im Iran in die Lage der Frauen dort hineinversetzen zu können.

Doch nicht nur über die große Politik und die kulturellen Unterschiede müssen beide vor der Reise nachdenken, sondern auch über ganz banale Dinge wie die Unterkunft oder darüber, wie das Studium organisiert ist. Stephanie freut sich auf die Auseinandersetzungen an der Uni, das akademische Niveau im Iran gilt insgesamt als sehr hoch: "So wie es aussieht, werde ich die Möglichkeit haben, die wissenschaftliche Position der Iraner zum Holocaust näher zu untersuchen. Ich will wissen, wie Materialien interpretiert und verwendet werden."