Als Sakura Okebe zum ersten Mal den Hörsaal einer deutschen Universität betritt, ist sie wirklich erstaunt: Viele Studenten sitzen hellwach in den Sitzreihen, niemand hält ein Nickerchen. Stattdessen verfolgen alle den Vortrag des Professors, diskutieren mit ihm und untereinander oder halten gar selbst ein Referat. "In Japan ist das anders. Viele Studenten schlafen während der Vorlesung", sagt Sakura, "das ist wirklich nichts Ungewöhnliches."

Sakura, seit drei Jahren Doktorandin an der Universität Hamburg, weiß, wovon sie spricht. Die 27-Jährige machte ihren Master in Germanistik an der privaten Keio Universität in Tokyo, einer der Top-Hochschulen Japans. Damit ist sie eine der wenigen Elite-Studenten, die sich erfolgreich durch das japanische Hochschulsystem geboxt haben, in dem Leistungsdruck über allem steht.

Dieser Druck erschöpft. "Viele Studenten fallen am Anfang ihres Studiums in ein tiefes Loch", so Sakura. "Viele verschlafen den Lernstoff oder kommen erst gar nicht zur Vorlesung." Viele wüssten auch nicht, was sie mit ihrem neuen Leben anfangen sollen, "jetzt, wo sie das große Ziel endlich erreicht haben".

Das große Ziel - das ist die Zulassung zu einer der sogenannten "Big Five", zu einer der fünf Elite-Hochschulen des Landes. Neben der Tokyoer Todai, der prestigeträchtigsten und zugleich ältesten Universität des Landes, sind dies Kyodai in Kyoto sowie Hitotsubashi, Keio und Waseda, allesamt in Tokyo. Hier erwächst Japan die Elite des Landes, hier rekrutieren die großen national und international operierenden japanischen Unternehmen ihren Nachwuchs. "Knapp 80 Prozent aller Spitzenpolitiker und Wirtschaftsträger haben ihren Abschluss an einer der Big Five gemacht", sagt Carmen Schmidt, stellvertretende Leiterin der Forschungsstelle Japan an der Universität Osnabrück.

Der Weg dahin allerdings führt für die meisten nur über Juku . Das sind private Paukschulen, auf die viele Familien ihren Nachwuchs schicken, damit sie bei den harten Aufnahmetests der Unis auch nur den Hauch einer Chance haben. Mindestens dreimal pro Woche steht Japanisch, Englisch und Mathe auf dem Stundenplan - nach dem Ende der regulären Schulzeit. Auch die Ferien werden genutzt, um in den Juku zu büffeln. "Ich kann mich nicht daran erinnern, in meiner Kindheit je einen Comic gelesen zu haben oder mit Freundinnen ins Kino gegangen zu sein," sagt Sakura.

Kinder investieren ihre Freizeit, die Eltern eine Menge Geld. Zwischen 2000 und 20000 Dollar im Jahr können Paukschulen kosten, hinzu kommen Gebühren für die reguläre Schule. Auch Sakura bereitete sich in einer Paukschule vier Jahre lang auf einen Test für die Keio-Universität vor. "Fakten, Daten, Vokabeln. Man lernt nichts anderes, keine Hintergründe, keine allgemeinbildenden Grundlagen. Ich habe zehn Jahre Englisch gelernt, kenne die Grammatik. Eine Konversation führen oder einen Film anschauen, könnte ich damit jedoch nicht", erzählt sie.

Was die "Big Five" an Prestige versprechen, können sie allerdings in ihren Lehrstandards meist nicht halten. Ganz gleich, ob Sozialwissenschaften (2006 das meistbelegte Studienfach in Japan), Jura oder Kunst - alle Studiengänge beinhalten grob den gleichen Lehrstoff: französische Literatur, Pflanzenkunde, Kulturwissenschaften. Kein Wunder, dass viele parallel zum Studium eine weitere Privatschule besuchen. Angehende Juristen zahlen Extra-Gebühren für eine Law-School, zukünftige Manager für Business-Schulen.