"Viele meiner Freunde sind nach dem Studium ziemlich planlos. Wie sollte ich da ans Fertigwerden denken. Nein, das erschien mir wenig attraktiv". Daniel ist 35 Jahre alt und studiert seit 28 Semestern Politikwissenschaft. Er ist einer der vielen tausend Studenten, die unter Aufschiebeverhalten leiden oder, wie es die Wissenschaft nennt, unter Prokrastination.

Frei nach dem Prinzip "Morgen ist auch noch ein Tag" vermeiden es Aufschieber, sich ihren Aufgaben zu stellen und erledigen stattdessen andere Sachen. Plötzlich gewinnt der Berg Geschirr in der Küche an Attraktivität, oder das Bad braucht dringend eine Grundreinigung. In allen Lebensbereichen schieben Menschen Dinge vor sich her: Arzttermine, die Steuererklärung, Anrufe, Reparaturen, Besuche bei Verwandten, das Beantworten von Briefen. Es gibt immer einen Grund aufzuschieben - es ist die Domäne des Eskapismus, der Ausreden und des geschickten Selbstbetrugs.

Betroffen von "Aufschieberitis" sind viele gesellschaftlichen Gruppen, gans besonders jedoch sind es Studenten. Der Managementberater Eliyahu Goldratt bezeichnete das Phänomen sogar einst als "Studentenyndrom". In wissenschaftlichen Untersuchungen geben etwa 70 Prozent der Studenten an, regelmäßig Pflichten aufzuschieben. 25 Prozent von ihnen gelten als Dauer-Trödler.

Das gerade Studenten gerne ihre Pflichten für eine Weile auf Eis legen, liegt vor allem daran, dass Termine und Fristen häufig in ferner Zukunft liegen. "Aufgeschoben habe ich vor jedem Referat und jeder Hausarbeit. Ich habe immer alles auf den letzten Drücker gemacht", bestätig Langzeitstudent Daniel. Die Gefahr, von universitären Aufgaben abgelenkt zu werden, ist ständig groß. "Nach der Zwischenprüfung verlor ich das Studium aus den Augen", sagt Daniel. Er habe viel gejobbt, im Hauptstudium dann am meisten geschoben. "Ich dachte damals, ich warte erstmal auf eine gute Idee für die Magisterarbeit."

Besonders anfällig für Aufschiebeverhalten sind Geisteswissenschaftler, vor allem, wenn sie sich in der Endphase ihres Studiums befinden. Dies zeigt auch auch eine Studie der Psychologinnen Inga Opitz und Julia Patzelt , die an der Universität Münster durchgeführt wurde. Sie zeigt: In unstrukturierten Fächern wie Germanistik oder Anglistik wird häufiger aufgeschoben als in strukturierten Fächern mit kontinuierlicher Leistungsprüfung. Ein weiteres Ergebnis: Unter den Aufschiebern befinden sich mehr Männer als Frauen. Sie neigen eher zu Startschwierigkeiten und leiden unter Planungsproblemen.

Aber warum verbummeln wir überhaupt so viele Aufgaben? "Menschen sind ökonomische Wesen und versuchen ihre Energie, sparsam einzusetzen", sagt Prof. Funke vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Aufschieben funktioniert dann wie ein Selbstschutz, der vor Ängsten, insbesondere der Angst, zu versagen, schützt. Auch aus Trotz, Ärger, Perfektionismus, Scham, Abhängigkeit, Ohnmacht oder Minderwertigkeitsgefühlen schieben Menschen auf. Chronische Prokrastinatoren geraten in einen Teufelskreis aus Angst und Druck, setzen sich immer neue Fristen und lassen diese wieder verstreichen. Vorsätze zu mehr Selbstdisziplin erzeugen weitere Negativgefühle.

Spätestens wenn sich der Leidensdruck der Betroffenen in Qual verwandelt, wird "Aufschieberitis" zu einem ernsthaften Problem. Der Dauer-Aufschieber gerät zusätzlich mit seinen Mitmenschen in Konflikt. Auch Daniel hat negative Erfahrungen in seinem Umfeld gesammelt. "Städnig haben mich die Nachbarn gefragt: Studierst du denn immer noch?"