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Film ab: Ein Student fährt auf den Campus, im Audi. An einer Schranke wird er angehalten, ein Wachmann scannt seine ID-Card, erst dann darf er passieren. Eine Stimme aus dem Off: "Modernste Sicherheitsanlagen gewähren unabdingbare strukturelle Voraussetzungen auf dem gesamten Universitätsgelände." Der Student parkt und eilt, wie jeder hier im Business-Anzug und mit dem Notebook in der Hand, in den Hörsaal. Am Eingang passiert er einen Tisch, an dem Warenproben von Coca-Cola verteilt werden. Dazu der Off-Kommentar: "Mit Blick auf die Zukunft wird bei uns unternehmerisches Denken und Handeln groß geschrieben. Darum arbeiten wir mit starken Partnern aus der Wirtschaft zusammen."

Schließlich nimmt der Edel-Student Platz, die Vorlesung beginnt, nicht jedoch, bevor diese "starken Partner aus der Wirtschaft" Werbetrailer geschaltet haben. "Wir garantieren den Absolventen", so die Stimme zum Schluss, "Führungsqualitäten und Kompetenzen, die sie später in den Chefetagen weltweiter Spitzenunternehmen einbringen können." Und: "In einem dynamischen Umfeld fällt zurück, wer nicht flexibel ist." Herzlich Willkommen an der Leuphana Universität Lüneburg!

Sarah, BWL-Studentin im fünften Semester*, ist verdattert. Was ist das? Eine neue Imagekampagne ihrer Uni? Sie ist sich da sicher - zumindest für einen Moment. Gefunden hat sie das Video im Internet unter www.leuphana.de.vu . Dort sah sie auch das Logo der Leuphana, ihre Schifttype, das weinrot-weiße Corporate-Design und auch die markig-dynamischen Losungen der Uni-Führung. "Bleiben Sie Ihr Studium lang, bleiben Sie Ihr Leben lang neugierig" - diese Worte spricht Präsident Sascha Spoun gar persönlich in die Kamera.

Heute wissen Sarah und ihre Kommilitonen: Dieses Video und dieser Internetauftritt wurde nicht vom Präsidium initiiert, dies ist keine Imagekampagne, sondern - je nach Blickwinkel - geniale Satire, ein schlechter Witz oder ernst zu nehmende Kritik an der grundständigen Ausrichtung der Hochschule.

Unbeeindruckt ließ dieser Film allerdings niemanden. "Absolutely well done, Mr. Spoun", schrieben begeisterte Gratulanten per E-Mail. "Was soll denn das jetzt, werden dafür unsere Studiengebühren verwendet?", war an allen Ecken des Campus zu hören. Genauso wie viele Gerüchte, wer sich hinter dieser Aktion verbirgt. Auch Matthias Fabian, der Sprecher des Lüneburger AStA, hat so seine Vermutungen. "Ganz sicher weiß ich aber nur, dass der AStA die Seite nicht gemacht hat." Was nicht bedeutet, dass er das Projekt generell ablehne: Der Film und die Homepage tragen zur Diskussion über die aktuellen Vorgänge an der Uni bei. Eine Diskussion, die, so Matthias, "noch viel breiter und umfangreicher geführt werden müsste".

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Diese aktuellen "Vorgänge", die Matthias anspricht, ist die Generalüberholung, die sich die Uni verordnet hat. Seine Hochschule will Präsident Spoun als Leuchtturm verstanden wissen, "als Vorreiter bei der Aufgabe, die Universitäten fit zu machen für das 21. Jahrhundert". Ein erster Schritt war in dieser Hinsicht die Umbenennung der Uni Lüneburg in Leuphana, der Name einer antiken Siedlung an der Elbe. Dem neuen Namen folgte die professionelle Überarbeitung des Außenauftritts - samt Logo und Corporate Design.

Auch in puncto Lehre und Forschung blieb kein Stein auf dem anderen: Alle Bachelor-Studiengänge sind in einem sogenannten "College" zusammengefasst, Master- und Doktorandenprogramme laufen ab kommendem Jahr unter dem Dach einer "Graduate School". Außerdem soll sich neben einem fächerübergreifenden Forschungszentrum eine Akademie für weiterbildende Studiengänge etablieren - die "Professional School". Alles neuer, straffer, ehrgeiziger als anderswo. "Wir wollen an einer kleinen Uni große Sprünge machen", sagt Spouns Vize Holm Keller im Gespräch mit ZEIT online.

"Ehrgeizig", finden dies die einen, "Zeit wird's", loben andere. Auch weniger schmeichelhafte Bemerkungen fallen: Dies sei "reaktionärer Blödsinn", lautet ein noch eher harmloser Kommentar.

Konkreter werden da die mutmaßlich studentischen Macher von Homepage und Video. Man wolle die "revolutionäre Rhetorik" des Präsidiums aus "Schlag- und Plastikwörtern" entlarven. "Wir sind nicht einverstanden mit der gegenwärtigen Reform an der Leuphana und den Entwicklungen im Hochschulwesen insgesamt." Diese Entwicklung folge der Marktideologie, und die Hochschule verkomme dabei selbst zu einem Unternehmen - Marke Leuphana. "Und dass so viele Besucher die Website für echt hielten, zeigt, dass wir uns kaum vom Original unterscheiden."

Tatsächlich zweifelte anfangs kaum jemand an einem offiziellen Ursprung dieser Aktion. Immerhin prangte auf den Leuphana-T-Shirts, die jeder Erstsemester bekommen hatte, der Schriftzug "Sponsored by Otto Group". Der Außenauftritt der Hochschule wurde dabei von der Werbeagentur Scholz & Friends gestaltet, jede Info-Broschüre wird auf Hochglanz-Papier gedruckt und zur Begrüßung der Erstsemester Ex-US-Präsidenten Jimmy Carter eingeflogen - dieser Uni trauen viele offenbar alles zu.

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Was ein Präsidium wohl härter trifft: Die harsche Kritik von außen? Die professionell aufgezogene Parodie, die jeden Ehrgeiz ins Lächerliche zieht? Oder 10000 Studenten, die diese Parodie weitestgehend für bare Münze nehmen? Spoun und Keller zeigen sich auch eher unbeeindruckt. "Das ist eine gut gemachte Parodie", sagt Keller im Gespräch mit ZEIT online, "und damit haben wir nicht das geringste Problem. Im Gegenteil." Offenbar gebe es eine Menge kreatives Potenzial auf dem Campus.

Etwas dagegen zu unternehmen, habe nie zur Debatte gestanden - auch wenn man die Inhalte nicht im Geringsten gutheiße. "Von unserer Seite aus", sagt Keller, "besteht kein Handlungsbedarf." Auch nicht, um die Sorgen, die womöglich hinter der Parodie stecken, zu entkräften? "Die Befürchtung, dass sich unsere Universität von einer öffentlichen Uni zu einer privaten wandelt, ist grundlos und entbehrt jeglicher Realität."

Natürlich müsse man sich fragen, wie man die Hochschule in Zukunft finanziell aufstellt, wie sich bestimmte Dinge, die aus öffentlichen Mitteln nicht mehr gespeist werden, anderweitig finanzieren lassen. "Durch Sponsoring haben wir im laufenden Semester aber keinen Cent eingenommen", so Keller. Auf den Erstsemester-T-Shirts sei der Begriff Sponsoring einfach missverständlich gebraucht worden - "die wurden uns geschenkt". Kurz: Man sei stolz darauf, eine öffentliche Uni zu sein, sagt Keller. "Zumal Prof. Dr. Sascha Spoun an einer privaten Uni ein Vielfaches mehr verdienen könnte. Und ich wahrscheinlich auch."

Wenige Tage, bevor www.leuphana.de.vu online ging, hatte Spoun den diesjährigen Erstsemestern lachend auf den Weg gegeben, es seien die Gerüchte, die einen Campus am Leben hielten. Die meisten seiner Zuhörer hatten geschmunzelt. Im Gespräch über www.leuphana.de.vu lachte Spoun nicht ein einziges Mal. Wie war das doch: In einem dynamischen Umfeld fällt zurück, wer nicht flexibel ist?

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* Angaben von der Redaktion geändert.