Entlegene Tempel, lange Gewänder, ein zarter Gong, der zum Gebet ruft - so stellt man sich im Westen gern die buddhistische Glaubenspraxis vor. Buddhismus in Hildesheim sieht etwas anders aus. Dort treffen sich Studenten zur Gebetsversammlung in einem WG-Zimmer, fünf Minuten von der Uni entfernt. Rainer öffnet die Tür. Er ist Mitte 30, hat einen kräftigen Händedruck und Lachfalten im gebräunten Gesicht. "Tempel gibt es bei uns gar nicht", sagt er. "Wir treffen uns meistens bei jemandem zu Hause."

Diesmal ist es eine ziemlich kleine Versammlung: In Rainers Zimmer sitzen Stefan und Janina auf zwei Bodenkissen. Sie ist klein und blond, trägt Kapuzenpulli und Turnschuhe, Stefan ein T-Shirt über dem Longsleeve und sehr gestylte Haare. Rainer schenkt Tee ein, die Biomarke vom Discounter. Man schlürft und plaudert. Janina und Stefan studieren Musik und Theater, Rainer macht gerade eine Tischlerausbildung, die kräftigen Hände täuschen also nicht.

Zum Auftakt liest er eine der "täglichen Ermutigungen" vor: "Kümmere Dich um die Aufgaben, die vor Dir liegen. Eins nach dem anderen." Das klingt beruhigend und vor allem praktisch anwendbar. Stefan und Janina sinnen dem Vorschlag ein paar Sekunden nach.

Die "Ermutigungen" werden, wie viele weitere Publikationen, von der "Soka Gakkai Deutschland" (Werte schaffenden Gesellschaft) herausgegeben, der Organisation, in die Rainer, Stefan und Janina eingetreten sind, um zu glauben. Geht das nur im Verein? Janina war früher in der evangelischen Kirche aktiv. "Das ist ja auch eine Gemeinschaft, aber hier fühle ich mich eigenständiger. Es ist ein Unterschied, ob man sagt: Wir sind alle Kinder Gottes, oder: Wir sind alle Buddha", findet sie.

Seit den siebziger Jahren ist die Soka Gakkai in Deutschland aktiv. Nach eigenen Angaben hat sie hier gegenwärtig 4500 Mitglieder, weltweit sind es etwa zwölf Millionen. Wie viele davon in der deutschen Organisation Studenten sind, kann Sprecherin Kimiko Brummer nur schätzen: "In unserer Studenten-Abteilung engagieren sich etwa 100 Personen, wir schätzen, dass es insgesamt vielleicht 200 studentische Mitglieder gibt." Das ist keine große Zahl, doch viele der Mitglieder haben bereits ein Studium abgeschlossen. Laut Bundesfamilienministerium haben 48 von 100 SGI-Anhängern einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss.

Was ist für Studenten attraktiv an der Soka Gakkai? "Ursprünglich hießen wir Soka Kyoiku Gakkai, das bedeutet werteschaffende Erziehungsgesellschaft", erklärt Brummer. Der Bildungsgedanke sei in der Oganisation tief verwurzelt, Frieden, Kultur und Erziehung die Ziele. "Es geht zum Beispiel darum, Dinge zu Ende zu führen", sagt Janina, "wie eben ein Studium. Ich habe während meines Vordiploms ernsthaft überlegt, alles hinzuschmeißen. Da haben mir die anderen SGI-Mitglieder sehr viel Mut gegeben."

Doch die Soka Gakkai, 1930 in Japan als Laienorganisation der inzwischen kleineren Glaubensgemeinschaft Nichiren-Shoshu gegründet, ist umstritten. 1991 brach die Organisation mit der Mutterorganisation, seitdem ist das Netz von gegenseitigen Anschuldigungen kaum noch zu entwirren. Es führt bis hin zu Anschlägen und zweifelhaften Selbstmorden in Japan, etwa dem einer Anwältin von SGI-Aussteigern. Dass auch viele Vertreter des japanischen Rechtssystems der Soka Gakkai angehören, macht die Urteilsfindung in solchen Fällen nicht leichter.

Und obwohl Japan offiziell eine laizistische Verfassung hat, also die Trennung von Glauben und Staat forciert, darf die mit Soka Gakkai assoziierte Partei Komeito ("Partei für eine saubere Regierung") mit der regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) koalieren. Das ruft Kritiker auf den Plan, auch, weil Soka Gakkai ihren Mitgliedern immer wieder Wahlempfehlungen gibt, die großen Einfluss haben.