Der Theologe und Ex-Topmanager Ulrich Hemel soll neuer Präsident der Katholischen Universität Eichstätt werden. Doch der Vatikan sperrt sich, die Gründe sind unklar.

Unter Studenten ist sie ein Geheimtipp: die Katholische Universität Eichstätt , idyllisch gelegen in dem barocken Bischofsstädtchen Eichstätt an der Altmühl in Oberbayern. Viel Zerstreuung für junge Leute gibt es hier nicht. Dafür ist die Universitätsbibliothek eine der besten Deutschlands. Und der Kontakt zu den Professoren ist viel persönlicher als in einer Massenuniversität wie München. An günstigen Studentenbuden herrscht auch kein Mangel in der 14.000-Einwohner-Kommune, umgeben von Wäldern, grünen Wiesen und der geruhsam vor sich hin plätschernden Altmühl.

Dass die Katholische Kirche - mit dem neuen Bischof Gregor Maria Hanke als Vorsitzendem der Stiftung Katholische Universität Eichstätt - Trägerin der Hochschule ist, merkt man der Universität kaum an. Vielleicht ist die katholische Studentengemeinde ein wenig aktiver als andernorts. Aber schwarz gewandete Gottesmänner gehören nicht zum Alltagsbild einer Hochschule, die sich, nach außen hin, ausgesprochen weltlich gibt.

Jetzt hat die Kirche aber doch wieder einmal gezeigt, wo der Hammer hängt. Es geht um Ulrich Hemel , den designierten Präsidenten der Universität mit ihren 4600 Studierenden und 120 Professoren. Der Theologe, Unternehmer und Ex-Topmanager war im Januar vom 16-köpfigen Hochschulrat mit zwölf Ja- bei vier Gegenstimmen zum Nachfolger des mittlerweile ausgeschiedenen Präsidenten Ruprecht Wimmer gewählt worden.

Hemel, Jahrgang 1956, ist so etwas wie ein Universalgelehrter und zugleich ein Schöngeist, der Italienisch lernte, indem er Dantes Göttliche Komödie zweisprachig las. Hemel spricht zehn Sprachen und hat mehrere Bücher unter anderem zu Themen der Wirtschaftsethik veröffentlicht. Er gilt nicht nur als höchst beschlagener Theoretiker, sondern auch als Macher. Mit ihm schien die etwas verschlafene Hochschule für die Zukunft in einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft gut aufgestellt zu sein.

Doch Ende vergangener Woche wurde publik, dass es innerhalb der Kirche "Bedenken" gegen Hemel gibt. Eigentlich hätte der neue Unipräsident schon zum 1. April sein neues Amt antreten sollen. Doch ohne das "nihil obstat" ("es steht nichts entgegen") der Kongregation für die Katholische Glaubenslehre im Vatikan kann Hemel sein Amt bis auf Weiteres nicht antreten. Die offizielle Amtsübergabe mit dem Eichstädter Bischof am 23. April wurde abgesagt. "Eine Übergabe des Präsidentenamtes wird nicht stattfinden", heißt es lakonisch in einer Mitteilung der Universität. Solange der Präsidentenstuhl vakant ist, hat KU-Vizepräsident Stefan Schieren den Vorsitz der Hochschulleitung inne. Beobachter werten dies alles als sehr ungewöhnlich.

Über die Gründe, die Rom bewogen haben, Hemel zunächst auszubremsen und nicht zum Uni-Präsidenten zu bestellen, wird seither eifrig spekuliert. Haben sie mit Hemels
- durchaus bewegtem - Privatleben zu tun? Oder ist der theologisch versierte Unternehmer einflussreichen Kirchenleuten aufgrund seiner zuweilen kirchenkritischen Haltung ein Dorn im Auge?

Hemel ist in dritter Ehe mit einer Kolumbianerin verheiratet. Die erste Ehe wurde, kirchenrechtlich korrekt, vom Vatikan annuliert. Mit seiner zweiten Frau war er nur standesamtlich getraut. Zu seiner aktuellen dritten Ehe hat er dann wieder den Segen der Kirche eingeholt. Dem Eichstätter Klerus war dieser für einen möglichen Repräsentanten der Katholischen Kirche eher ungewöhnliche Lebenswandel bekannt. "Unser Träger hat das überprüft und keinen Anstoß daran genommen", sagt Constantin Schulte-Strathaus, Sprecher der Universität. "Für den Träger lebt Hemel in einer kirchlich gültigen Ehe."

Ein weiterer möglicher Grund: Hemels freigeistige Ansichten. Der Mann ist zwar praktizierender Christ, hat jedoch an der Institution der Kirche immer wieder Kritik geübt. So hatte er in einem Zeitungsinterview die Wahl Joseph Ratzingers zum Papst alles andere als bejubelt. Seine erste Reaktion sei eine "Mischung aus Freude, Sorge und Hoffnung" gewesen, diktierte er einem Reporter in den Block. "Theologisch gesehen war Ratzinger eines der qualifiziertesten Mitglieder im Kardinalskollegium (…). Aber er hat sich in den vergangenen Jahren als Präfekt der Glaubenskongregation sehr deutlich an die Spitze einer konservativen Bewegung in der katholischen Kirche gesetzt und sich teilweise zu fast schon radikalen Urteilen hinreißen lassen." Qualifizieren solche Einlassungen für ein exponiertes Amt innerhalb der Kirche?

Das Statement könnte deshalb eine nicht unerhebliche Rolle spielen, weil Papst Benedikt, dem ehemaligen Universitätsprofessor, ein nicht geringes persönliches Interesse an der einzigen katholischen Universität im deutschsprachigen Raum nachgesagt wird. Er soll angeregt haben, dass in Zukunft nicht mehr nur die bayerischen, sondern alle deutschen Bischöfe für die Hochschule zuständig sein und Geld geben sollen. Zurzeit wird die Universität zu etwa drei Vierteln vom Land Bayern, zu einem Viertel von den bayerischen Bischöfen finanziert.

Bliebe als dritter möglicher Grund eine Formalie. Hemel ist zwar habilitiert und hat derzeit in Regensburg eine außerplanmäßige Professur für Religionspädagogik inne. In der "Grundordnung" der Universität Eichstätt heißt es jedoch, das Präsidentenamt solle von einem ordentlichen Universitätsprofessor eingenommen werden. "Das ist keine Muss-Bestimmung", sagt Schulte-Strathaus, der diesem Punkt keine Bedeutung zumisst.

Mitteilungen aus dem kirchlichen Apparat muss man genau lesen. Die "Bedenken", so heißt es, stammen nicht von der vatikanischen Kongregation selbst, sondern seien "an sie herangetragen" worden. Es könnte also sein, dass einer aus dem Kreis der mehrheitlich konservativen bayerischen Bischöfe, vielleicht der streitbare Augsburger Oberhirte Walter Mixa, Vorgänger von Gregor Maria Hanke im Amt des Eichstätter Bischof, Einspruch gegen Hemel erhoben hat. Vielleicht ist Mixa sauer auf seinen Bischofskollegen Hanke, der immer mal wieder durchblicken ließ, dass unter Mixa die Zügel bei der Universität etwas schleifen gelassen wurden. Hanke jedenfalls will einen neuen Zug in die Universität bringen und das Katholische stärker betonen.

Der Gelackmeierte könnte am Ende Ulrich Hemel sein. Noch hat er die Flinte nicht ins Korn geworfen. Er äußert sich zurzeit inhaltlich nicht zu dem Casus. Nur so viel lässt er verlauten: Es sei zu Verzögerungen gekommen. "Ich bin aber überzeugt, dass die Bestätigung noch eingehen wird." Wenn sich der oder die Kritiker Hemels durchsetzen sollten, wäre dies das zweite Mal, dass ihm ein kirchliches Amt verwehrt bleibt.

Als er Ende der siebziger Jahre von der Päpstlichen Universität in Rom nach Regensburg wechselte, um sich dort zu habilitieren, ereilte ihn eine familiäre Krise. Seine erste Ehe zerbrach und wurde vom Vatikan annuliert. Damit war ihm eine Karriere als Theologieprofessor verbaut. Der Fall schlug Wellen in der Öffentlichkeit. DIE ZEIT schrieb 1992, dass ein "brillanter Theologe" in Regensburg keine Priester ausbilden dürfe. Hemel wechselte damals in die Wirtschaft. Diese Möglichkeit böte sich ihm auch heute. Hemel besitzt eine eigene Beratungs- und Beteiligungsgesellschaft, auf die er sich zurückziehen könnte. Wenn nicht doch noch die erlösende Post aus Rom eintrifft.