Wer an der Universität in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny studiert, tut dies unter Bedingungen, die auf westliche Studenten vermutlich ziemlich absonderlich wirken. Zum Studium wird überhaupt nur zugelassen, wer Beziehungen zu Uni-Mitarbeitern hat oder aber eine inoffizielle Aufnahmegebühr von mehreren Tausend Euro zahlt. Für das Examen zählen weder Fleiß noch gute Leistungen.

Viele der Studenten kommen bewaffnet in den Unterricht. Sie legen die Pistole vor sich auf den Tisch, um so das Examen zu erzwingen. Keiner der Dozenten wird sie durchfallen lassen. Es sind diejenigen Studenten, die neben der Uni für den Geheimdienst, die Miliz oder Polizei arbeiten. Auch Arbeitsmaterialien und Bücher gibt es kaum an der von den Tschetschenienkriegen gebeutelten Uni, die erst seit wenigen Jahren wieder geöffnet ist.

Die französische Organisation Etudes Sans Frontières unterstützt tschetschenische Studenten, die zum Studium nach Frankreich kommen wollen. Dabei geht es nicht darum, besonders erfolgreiche Studenten zu fördern, sondern diejenigen, die gesellschaftlich engagiert sind. Die Studenten bewerben sich mit konkreten Projekten, mit denen sie den Wiederaufbau ihres Landes und die Entwicklung der Zivilgesellschaft voranbringen wollen. Raphael Glucksmann, der Sohn des bekannten französischen Philosophen André Glucksmann, gründete zusammen mit fünf Kommilitonen die Organisation 2003 in Paris.

Schnell fanden sie prominente Unterstützer wie André Glucksmann und Bernard Kouchner, mittlerweile französischer Außenminister. Kouchner, früherer Gesundheitsminister und einer der populärsten Mitglieder der Sozialistischen Partei, half mit seinen Kontakten, die Visaformalitäten für die ersten Studenten abzuwickeln. "Die französische Regierung war zu dem Zeitpunkt bei der Visavergabe nicht sehr hilfreich, weil sie befürchtete, ihre Beziehungen zu Russland mit der Unterstützung zu gefährden.", erklärt Raphael Glucksmann.

Mittlerweile ist die Organisation aber etabliert und bekommt die Visa für die tschetschenischen Studenten, ohne auf die Kontakte nach oben zurückgreifen zu müssen. Für Politiker wie Kouchner ist sie auch zu einer Prestigeangelegenheit geworden. Die Stipendien werden von der Stadt Paris, der Region, einigen privaten Förderern und zwei Stiftungen finanziert. Die Organisation hat mittlerweile Ableger in Spanien, Italien, Kanada und Deutschland und hat bislang 23 tschetschenischen Studenten ein Studium in Frankreich ermöglicht.

Einer von ihnen ist der 23-jährige Aslan.* Etudes Sans Frontières unterstützt ihn bereits seit mehreren Jahren. Im September 2005 begann er in Paris Audiovisuelles und Film-Management mit dem Ziel zu studieren, danach einen Radio- oder Fernsehsender in Tschetschenien zu gründen. Mittlerweile ist er allerdings skeptisch, ob das gelingen kann. "Es ist nicht möglich, etwas ohne die Autorisierung der Regierung aufzubauen. Und selbst wenn man eine Erlaubnis hat, muss man sich noch selbst zensieren. Du musst den Spielregeln folgen. Wer das nicht tut, verschwindet." Aslan will deshalb jetzt eine Internetplattform mit Nachrichten, Videostreams und Podcasts aufbauen. Damit will er vor allem die jungen Tschetschenen seiner Generation erreichen, unter denen das Internet das am weitesten verbreitete Medium ist. Dieses Projekt könnte er eben zur Not auch in Paris umsetzen.

Zwei der Stipendiaten sind mittlerweile aus Paris nach Tschetschenien zurückgekehrt und haben ihre Ideen verwirklicht. Eine von ihnen ist Milana Terloeva, die 2003 als eine der ersten Studenten über die Organisation nach Paris kam. 2006 schloss sie ihr Journalistikstudium ab, im selben Jahr erschien ihr erstes Buch "Danser sur les ruines", das von ihrer Jugend in Tschetschenien handelt. Mittlerweile arbeitet sie in Grosny für die russische Nichtregierungsorganisation Memorial, die sich unter anderem mit der historischen Aufarbeitung politischer Gewaltherrschaft in der Sowjetunion beschäftigt und Beobachter nach Tschetschenien entsendet.