Jannis Panagiotidis lässt seinen Blick schweifen: Zypressen, Olivenhaine, in der Ferne die gewaltige Kuppel des Florentiner Doms. Touristen aus aller Welt geraten bei diesem Anblick in Verzückung, für ihn ist es Alltag. Seit einem Jahr schreibt der 27-Jährige seine Doktorarbeit am Europäischen Hochschulinstitut (EUI), das malerisch in den Bergen oberhalb von Florenz gelegen ist. Über 500 weitere Doktoranden aus fast allen Ländern der Europäischen Union sind mit ihm am Institut.

1971 hatten sich die sechs Gründungsstaaten der Europäischen Gemeinschaft auf die Schaffung des Instituts geeinigt, fünf Jahre später begann der Lehr- und Forschungsbetrieb. "Man wollte damals etwas für das kulturelle und akademische Zusammenwachsen Europas tun", erklärt Marco Del Panta Ridolfi, seit März 2007 Generalsekretär des EUI. "Wir sind mittlerweile nicht mehr nur ein Doktorandenprogramm, sondern auch eine Forschungseinrichtung, in der transnational, interdisziplinär gearbeitet wird", erläutert er stolz. So biete man mit dem Max Weber Programm inzwischen auch ein Postdoktoratsprogramm für junge Wissenschaftler an.

Zahlreiche Professoren, Minister und Staatssekretäre in verschiedenen EU-Staaten sind Absolventen der Hochschule. Joachim Wuermeling, bis Januar Europastaatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, hat dort seinen Master of Laws gemacht. "Das war der spannendste und schönste Abschnitt meiner Ausbildung", erinnert er sich. "Dort bekommt man den europäischen Geist wirklich eingehaucht."

Panagiotidis hat über eine Tübinger Kommilitonin vom EUI erfahren. "Vier Jahre Stipendium bekommt man selten – das war sicher ein Grund, mich hier zu bewerben", gibt er offen zu. Er schreibt seine Doktorarbeit in Geschichte über "Ethnische Migration aus der Sowjetunion nach Deutschland, Israel und Griechenland". Deswegen habe sich die Bewerbung auch thematisch angeboten.

"Meine Vorbereitung hat sich in Grenzen gehalten", sagt Panagiotidis. Parallel zur Magisterarbeit hat er ein vierseitiges Exposé geschrieben, das er zusammen mit dem Lebenslauf und einem aktuellen Notenstand bis Ende Januar einreichen musste. Knapp drei Monate später fand dann im Institut ein Bewerbungsgespräch statt, dabei wurden auch die Englisch- und Italienischkenntnisse geprüft. "Zwei Wochen später wusste ich dann, dass ich am 1. September anfangen werde", erinnert er sich.

Die Auswahl gilt als anspruchsvoll. "Je nach Fakultät wird von acht bis zehn Bewerbern einer genommen", berichtet Del Panta Ridolfi. Mehr wolle man auch nicht aufnehmen, weil darunter die Qualität leiden würde. Bei jeder Bewerbung ist auch Glück dabei: "Qualifikation alleine reicht nicht", betont Claudius Wagemann, der vor drei Jahren am EUI promoviert wurde und inzwischen an einem italienischen Exzellenzzentrum ein politikwissenschaftliches Doktorandenprogramm betreut. "Man muss auf einem Gebiet arbeiten wollen, das für einen der Professoren von Interesse ist."

Zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten gibt es einen Verteilungsschlüssel. "Der richtet sich nach der Einwohnerzahl und den Zahlungen an uns", erklärt Del Panta Ridolfi. Die größte Gruppe komme aus Deutschland, obwohl Italien der größte Beitragszahler ist. Der Grund: Der italienische Staat übernimmt die Mieten für die zahlreichen historischen Gebäude, in denen das Institut untergebracht ist. Neben Geschichte gibt es noch drei weitere Fakultäten: Volkswirtschaft, Jura sowie Politik- und Sozialwissenschaften. Unter den Professoren finden sich renommierte Namen – wie der des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giuliano Amato in der juristischen Fakultät. Auch das Historische Archiv der Europäischen Union ist dem EUI angegliedert.