Claudia Ronquillos hat ein Ziel: Im Oktober will sie heimkehren nach Guatemala-Stadt, zu Mann, Familie und Freunden, und wieder in der Produktion und Qualitätssicherung der Brauerei arbeiten, in der sie vor Beginn ihres Studiums in Deutschland schon beschäftigt war.  "Und irgendwann will ich natürlich die Chefin des ganzen Betriebs sein." Die 33-Jährige lacht über die Vorstellung, als Frau im bierproduzierenden Gewerbe das Sagen zu haben. Das ist in Guatemala so unüblich wie hierzulande, aber im Gegensatz zu Deutschland durchaus realistisch.

Ihre Vorgesetzten schickten sie vor einem Jahr nach Weihenstephan, einem Ortsteil von Freising bei München, um sie zwischen Biergärten und Oktoberfest ihren Master in "Brauwesen und Getränketechnologie" machen zu lassen. Nun steckt Ronquillo in den Endzügen ihres Studiums an der TU München, welches weltweit einzigartig ist. Heimweh und Verzweiflung an der bayerischen Sprache konnten sie nicht entmutigen. Sie nutzte die "Riesenchance und Ehre", kämpfte sich durch die Ausbildung rund um Malzkörner und Gärtanks, um am Ende beispielsweise Bier, Fruchtsaft und Limonade herstellen zu können.

Heinrich Vogelpohl, Professor für Brauereianlagen und Studienberater, nennt die Studentin "den absoluten Glücksfall". Zehn Jahre Berufserfahrung bringt Ronquillo mit, dazu ein Chemieingenieur-Studium und allerhand Elan. Die Regel ist das nicht. Viele Studenten unterschätzen die Anforderungen des nicht zulassungsbeschränkten Studiums. Statt Numerus clausus und Aufnahmeprüfung wird im ersten Jahr stark ausgesiebt; fast jeder Dritte wirft hin. Die meisten scheitern an den mathematisch-naturwissenschaftlichen Pflichtfächern. Und so sieht man statt überfüllten Hörsälen spätestens im Hauptstudium nur mehr Grüppchen von 20 bis 30 Studenten.

"Mit Deutsch, Mathe und Physik hatte ich überhaupt keine Probleme", erinnert sich Ronquillos Kommilitonin Lifang Xuan. "Eher mit Bio, wegen der Fachbegriffe." Ein Professor aus Peking hatte der Chinesin vor einigen Jahren den parallel zum Master laufenden Diplomstudiengang empfohlen; nach Europa wollte sie ohnehin. Nun steht sie in der Paulaner-Brauerei, um letzte Informationen für ihre Abschlussarbeit über Desinfektionsmittel einzuholen. Bereut hat sie den Schritt nie. Ihr Wunsch ist es, zwei bis drei Jahre Berufserfahrung in Deutschland zu sammeln, um dann in China oder Japan ihre eigene Firma für Import und Export von Abfüll- und Verpackungsanlagen zu gründen.

In ihrer Heimat hat Xuan bessere Berufschancen als in Deutschland, vor allem als Frau in einer Spitzenposition im Brauerei-Bereich. "Das ist in China einfach normaler." Normal sei das auch in Russland und ganz Osteuropa, sagt Vogelpohl. Deshalb kommen neben den Asiaten, Latein- und Nordamerikanern traditionell viele Studentinnen aus den ehemaligen GUS-Staaten. In Ronquillos Masterstudiengang ist ein Drittel der Studenten weiblich, unter den ausländischen Studenten sogar die Hälfte.

Die ausländischen Absolventen kehren zum Arbeiten in der Regel in ihr Herkunftsland zurück. Dort ist ihnen der Traumberuf Braumeister "zu 90 Prozent sicher", weiß der Studienberater. Und in Deutschland? "Vielleicht 40 Prozent." Die Stellen eines Braumeisters seien oft auf Jahrzehnte belegt. "Das größte Problem ist die Konzentration der Weltkonzerne", sagt Vogelpohl, denn dieser bringt einen Abbau von Arbeitsplätzen mit sich. Rund ein Drittel der Studenten kommt am Ende dann auch im Anlagen- und Maschinenbau unter. Der Rest verteilt sich größtenteils auf Chemie-, Brunnen- und Softdrinkindustrie, TÜV und Patentamt. Aber warum gehen kaum Deutsche ins Ausland, um als Braumeister arbeiten zu können?  "Das gestaltet sich wegen der fehlenden Berufspraxis oft als sehr schwierig." Einen Job hier oder dort findet laut Vogelpohl aber jeder Absolvent, eventuell müsse man sich eben ein halbes Jahr gedulden.

Nach einer Übergangsphase lösen die internationalen Abschlüsse Bachelor (sechs Semester) und Master (drei Semester) den Ingenieursstudiengang in diesem Herbst komplett ab. Parallel dazu bleibt die Möglichkeit zum Diplombraumeister erhalten (fünf Theorie- und zwei Praxissemester). Im Oktober, wenn sich Claudia Ronquillo auf den Weg nach Guatemala macht, werden 115 junge Leute mit dem Traum vom Bierbrauen ihr Studium beginnen. Eine internationale Truppe mit unterschiedlichen Lebensgeschichten und Zielen. Auch das macht das Studium so spannend, sagt Claudia Ronquillo: "Seit ich in Weihenstephan bin, trinke ich türkischen Tee, esse chinesische Suppe und probiere die venezolanische Grillart."