Deutsche Hochschulen brauchen mehr ethnische Vielfalt. Das Potenzial von Migranten nutzen sie bisher kaum, kritisiert Politikwissenschaftler Claus Leggewie. Ein Interview

ZEIT ONLINE: In den USA wie in Europa bemühen sich Universitäten um Studenten aus Einwandererfamilien. Warum haben unsere Hochschulen dieses Potenzial noch nicht entdeckt?

Claus Leggewie: Die Erkenntnis, dass wir ein Einwanderungsland sind und Zuwanderung etwas Positives sein kann, setzt sich erst langsam durch. Bislang hat unsere Integrationspolitik sich darauf konzentriert, Unterschichten zu vermeiden. Dass in der zweiten oder dritten Generation auch Bildungsressourcen schlummern, entdecken Politik und Hochschulen erst langsam. Noch sind unsere Universitäten deshalb recht monokulturelle Einrichtungen geblieben.

ZEIT ONLINE: Dabei rühmen sich viele Hochschulen doch ihrer Internationalität.

Leggewie: Tatsächlich kommen heute mehr ausländische Studierende nach Deutschland als früher. An den Großstadtuniversitäten wächst auch die Zahl der Studenten aus Einwandererfamilien. Auf der Ebene der wissenschaftlichen Mitarbeiter wird es aber schon dünn. Und unter den Professoren, in der Verwaltung oder gar Unispitze muss man Menschen mit türkischen, russischen oder jugoslawischen Hintergrund mit der Lupe suchen. Zwar leistet sich die eine oder andere Exzellenzuni einen prominenten Forscher aus dem Ausland. Aber die Cem Özdemirs der Wissenschaft fehlen.

ZEIT ONLINE: Wofür benötigen wir sie denn?

Leggewie: Als Rollenvorbilder zum Beispiel. Ende der fünfziger Jahre zog mein Vater, der Schulleiter war, durch die Grundschulen und warb fürs Gymnasium. Heute muss sich ein ähnlicher Appell, höhere Bildungsabschlüsse anzustreben, an unsere Migranten richten. Denn schon jetzt fehlen uns Zehntausende Ingenieure. In den kommenden Jahren wird der Fachkräftemangel weiter steigen. Aus dem Ausland werden wir diesen Bedarf nicht decken können. Stattdessen müssen wir die Talente in Deutschland suchen. Die Internationalisierung muss im eigenen Land beginnen.