Drei Prüfer erzählen, worauf es ihnen bei der Verteidigung ankommt.

Promotion

"Sie punkten da, wo Sie sich besser auskennen als wir"

"Bei der Verteidigung einer juristischen Promotion geht es darum, gemeinsam Schwachpunkte der Dissertation zu finden. Die Prüfung ist also der letzte Schritt zur Vollendung der Arbeit. Sie kann den Doktorandinnen und Doktoranden helfen, ihr Spezialgebiet nicht isoliert zu betrachten, sondern mit anderen Rechtsgebieten zu verknüpfen. Zum Beispiel durch unsere Nachfragen: Wie lässt sich eine strafrechtliche These mit der Verfassung vereinbaren? Wo lebt das Steuerrecht aus der zivilrechtlichen Begriffsbildung? Die Anregungen, die sich aus dem Gespräch ergeben, können vor dem finalen Druck noch eingebaut werden. Auch für die Bewertung ist die Prüfung wichtig. Bisweilen sind sich Erst- und Zweitgutachter nach dem Lesen bei der Note nicht einig. Dann entscheidet die Disputation. Und außerdem muss die mündliche Prüfung eindeutig zeigen, dass derjenige die Dissertation selbst verfasst hat.

Für die Bewertung ist das wichtigste Qualitätsmerkmal, dass die Gedanken klar formuliert und die Argumente schlüssig sind. Für uns ist es interessant zu sehen, wie der Doktorand ein Argument entwickelt. Aber, so banal es klingen mag, jede Antwort sollte exakt zur Frage passen, die wir gestellt haben. Nichts ist schlimmer als minutenlange Vorträge, wenn derjenige eigentlich keine Antwort hat oder das Wichtige nicht vom Unwichtigen unterscheiden kann. Das passiert aber selten.

Wenn es gut läuft, verliert das Gespräch den Charakter einer Prüfung. Häufig sehen wir die Doktoranden als Partner auf Augenhöhe. Vielleicht haben wir mehr Erfahrung, aber wissenschaftlich sind wir ihnen oft kaum voraus. Sie punkten gerade in den Bereichen, wo sie sich besser auskennen als wir Prüfer.

Noch ein Wort zu den Äußerlichkeiten, denn da bin ich altmodisch: Mir ist es wichtig, dass es keine Ablenkungen gibt, das heißt weder eine PowerPoint-Präsentation noch einen Schluck Wasser aus der Plastikflasche. Auch mit der Kleidung sollte man zeigen, dass die Disputation ein besonderer Moment ist: Es gibt zwar keine Vorschrift, aber es ist schon üblich, dass alle im Kostüm oder im Anzug kommen.

Ein No-Go sind Geschenke oder Essenseinladungen der Doktoranden. Die Zeiten, in denen sich die Professoren mit einem Doktorschmaus bestechen ließen, sind zum Glück Geschichte."

"Die Wahrscheinlichkeit durchzufallen, ist sehr gering"

"Ich möchte in der Disputation sehen, dass man die angewandte Forschungsmethode erklären und auch auf Fragen eingehen kann, die nicht direkt in der Arbeit auftauchen. Das kann zum Beispiel bei einer historischen Arbeit zu Hegel die Frage sein: Mit welchen Punkten aus Hegels Philosophie hätten wir heutzutage ein Problem? Wer sich ausgezeichnet auskennt, aber solche Transferfragen nicht beantworten kann, bekommt keine Bestnote. Was bei Prüfern nicht gut ankommt: Kandidatinnen oder Kandidaten, die einen genervten Eindruck machen, weil sie so kritisch gefragt werden. Ich möchte eher das Gefühl haben, wir können Theorien der Arbeit diskutieren, Ansätze miteinander verknüpfen und so im Gespräch sogar an einer gemeinsamen These weiterarbeiten.

Die Doktoranden sollten so vortragen, dass sie auch jemand versteht, der sich nicht fünf Jahre lang mit ihrer These beschäftigt hat. In der Philosophie sind die Meinungen gespalten, ob sie dabei frei sprechen sollten. In meinen Augen kann man beides gut machen: einen vorbereiteten Text vorlesen oder frei vortragen. Ich würde mit den Gutachtern im Vorgespräch klären, ob man beispielsweise Notizzettel benutzen darf. Außerdem würde ich eine Diskussion über die Arbeit vorher mit Freunden üben. In der Philosophie sitzt man viel am Schreibtisch, manche verlernen den Dialog. Es kann sinnvoll sein, sich vor der eigenen Prüfung eine öffentliche Verteidigung anzuschauen, um mitzubekommen, was da passiert. Es hat immer etwas Feierliches. Trotzdem bekommt niemand Punkteabzug, weil er oder sie Jeans, T-Shirt und Sneakers trägt. Fettnäpfchen gibt es eher bei Themen wie Gender oder Ethnie. Es wäre etwa angebracht, sich explizit zu distanzieren von dem, was Hegel über Frauen und Rasse schreibt. Wenn man das versäumt, bedeutet das aber auch nicht, dass die Prüfung schlecht bewertet wird.

Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit durchzufallen gering. In fast zehn Jahren habe ich das erst zweimal erlebt. Beide hatten nur knapp bestanden, und die Zweifel bestätigten sich in der mündlichen Prüfung, weil Ergebnisse unverständlich vorgetragen wurden und Nachfragen überhaupt nicht beantwortet werden konnten. In der Regel wird die Dissertation aber schon vorher negativ beurteilt, und es kommt gar nicht zur Prüfung."

"Wer etwas nicht weiß, sollte das sagen, nicht raten"

"Bei der Disputation kann nur noch wenig schiefgehen. Trotzdem ist es keine ganz lockere Prüfung, bei der jede Antwort aus dem Ärmel geschüttelt wird. Unser Anspruch ist schon, dass die Kandidaten an ihre Grenzen kommen. Wir wollen sehen, dass wir es mit eigenständigen Physikern zu tun haben, die Antworten auf Fragen haben wie: ›Was ist an meiner Forschung besonders? Wieso wurde das vorher noch nicht untersucht? Was haben andere in diesem Feld gemacht?‹ Und die auch wissen, wo mögliche Schwächen ihrer Arbeit liegen. Diese Selbstkritik ist nicht selbstverständlich und kommt daher bei mir gut an. Auch sonst schätze ich Ehrlichkeit. Wenn man etwas nicht weiß, sollte man das sagen, nicht raten. Wir geben dann Denkanstöße, und der Weg zur Lösung zählt. Insofern ist die Disputation nicht mit anderen Prüfungen vergleichbar, wo man vielleicht punktet, wenn man alles sagt, was einem zum Thema einfällt.

Zu Beginn der Prüfung präsentieren unsere Kandidaten etwa 30 Minuten lang ihr Thema, meistens mit einer PowerPoint-Präsentation. Auf fancy Schriften und Effekte kann ich dabei verzichten. Im Anschluss stellen wir Nachfragen und erwarten, dass die Kandidaten aus ihrem Wissen eine Skizze oder Formel kristallisieren können, ohne sich in Details zu verlieren. Ein Fettnäpfchen wäre es zum Beispiel, wenn man als Doktorandin oder als Doktorand der theoretischen Physik überhaupt nicht auf Fragen zur experimentellen Physik eingehen kann. Das wäre fahrlässig. Man sollte darüber nachgedacht haben, wie seine theoretischen Resultate im Experiment überprüft werden können. Um sich auf die Prüfung vorzubereiten, kann man außerdem schauen, woran die Prüfer forschen. So bekommt man ein Gefühl dafür, welche Fragen sie stellen könnten, und kann passendes Material zusammenstellen.

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Zur inneren Einstellung: Wenn man zur Doktorprüfung antritt, kann man natürlich stolz auf seine abgeschlossene Arbeit sein, aber mit Prahlerei sollte man sich zurückhalten. Nicht jede neu entdeckte Materialeigenschaft zum Beispiel wird ein Meilenstein zukünftiger Informationstechnologie werden, und so was sollte man schon realistisch einschätzen können."