Die Promotionszeit beeinflusst Beziehungen. Erfahrungsberichte aus der Partnerschaft, der Familie und der WG

Promotion

Liebe

Veronika und Martin © Michael Kohls

"Veronika und ich sind seit dreieinhalb Jahren ein Paar. 2018 hat sie angefangen zu promovieren, seitdem ist vieles anders zwischen uns. Früher haben wir stundenlang in der Küche über die Gesellschaft philosophiert und musiziert, Veronika spielt Saxofon, ich Gitarre. Heute ist Veronika, wenn sie abends aus der Uni kommt, meistens so müde, dass sie sich schon allein schlafen legt. Hin und wieder fährt sie auch am Wochenende ins Labor. Einmal mussten wir deshalb sogar einen Besuch bei meinen Eltern absagen.

Für mich ist es schwierig, dass die Promotion viel von unserer gemeinsamen Zeit nimmt. In letzter Zeit habe ich mich oft gefragt, was ich mir in unserer Beziehung wünsche. Ich sehne mich wieder nach Abenteuern mit ihr. Deshalb habe ich ihr gesagt, dass wir uns wieder mehr Zeit füreinander nehmen sollten. Das hat sie ernst genommen. Neulich ist sie einen Tag zu Hause geblieben: Wir haben zusammen Musik gemacht, Kirschen gepflückt und abends Pizza gegessen. Über Tage wie diesen freue ich mich jetzt besonders."

Martin Schulz, 27, studiert Soziale Arbeit an der HAW Hamburg.

"Ein halbes Jahr vor meiner Promotion sind Martin und ich zusammengezogen. Wir waren viel beieinander und haben oft in den Tag hineingelebt. Das geht heute leider nicht mehr. Die Promotion macht mir Spaß, aber für unsere Beziehung stellt sie manchmal ein Hindernis dar. Damit hatte ich vorher nicht gerechnet.

Am meisten stört Martin, dass wir nicht mehr so spontan sind. Das liegt definitiv an meiner Doktorarbeit. Ich verstehe ihn, auch mich bedrückt das. Wir denken viel darüber nach, wie wir das ändern können. Ich habe Martin nun gebeten, mir zu sagen, wenn ich zu viel arbeite.

Ich bin fast jeden Tag von halb neun bis 18 Uhr im Labor. Wenn ich nach Hause komme, bin ich zu ausgebrannt, um mit ihm um die Häuser zu ziehen, wie früher. Dann macht es mich schon froh, wenn er mir Zeitungsartikel vorliest und ich dabei einschlafe. Aber es ist auch Schönes dazugekommen: Martin hat Physik studiert und kann mir bei meiner Forschung helfen. Vor Kurzem hat er mir erklärt, was passiert, wenn Röntgenlicht auf Moleküle trifft."
Veronika Brinschwitz, 29, promoviert in Virologie an der Uni Hamburg.

Familie

Petra und Tim © Michael Kohls

"Schon als Tim noch zur Schule ging, habe ich ihm gesagt: ›Es ist egal, ob du Maurer oder Doktor wirst, Hauptsache, du bist glücklich.‹ Als mir Tim dann während seines Masters erzählte, dass er promovieren wolle, hat mich das sehr stolz gemacht. Sein Ehrgeiz beeindruckte mich.

Ich selbst bin keine Akademikerin. Trotzdem habe ich versucht, ihn bei der Promotion so gut es ging zu unterstützen: Meist rief Tim an, wenn er Zeitdruck oder Schreibblockaden hatte. Ich habe ihm dann immer gesagt, dass ich an ihn glaube. Er schrieb über den sibirischen Permafrostboden. Ehrlich gesagt, verstehe ich bis heute nicht so ganz, was er da untersucht hat. Tims Bachelorarbeit habe ich damals noch Korrektur gelesen, bei der Dissertation ging das nicht mehr, die ist in wissenschaftlichem Englisch geschrieben, dafür fehlt mir das Vokabular.

Im zweiten Promotionsjahr wurde Tim dann Papa. Ich habe mich total gefreut. An den Wochenenden habe ich seitdem oft auf seine Tochter Liv aufgepasst. Ich glaube, das hat ihn entlastet. Zu meinem 55. Geburtstag hat er mir eine Ausgabe der Promotion samt Widmung geschenkt. Das hat mich gerührt. Sie steht jetzt gut sichtbar im Wohnzimmerregal."
Petra Roschlaub, 57, arbeitet als Buchhalterin in Hamburg.

"Wenn ich beim Schreiben meiner Dissertation Stress hatte, war meine Mutter eine der ersten Personen, die ich anrief. Besonders in der Endphase waren die Gespräche mit ihr wichtig für mich. Inhaltlich haben wir allerdings kaum über meine Forschung geredet, das Thema war zu spezifisch. Es ging eher um finanzielle Sorgen oder den Zeitdruck. Meine Mama hat mir immer Mut gemacht und gesagt: ›Ich glaube an dich!‹ Sorgen um mich hat sie sich natürlich auch gemacht. Während meiner Forschungsreisen im sibirischen Outback hatte sie Angst, dass mich ein Eisbär angreifen könnte. Außerdem hat sie mich per E-Mail oft gefragt, ob ich dort trotz 24 Stunden Tageslicht genug schlafe.

Seit meine Tochter auf der Welt ist, sprechen wir vor allem über Liv. Als Dank für ihre Unterstützung habe ich meine Mama in der Widmung meiner Dissertation erwähnt. Dort steht, dass meine Doktorarbeit auch ihr Verdienst ist. Ohne ihre Hilfe wäre ich nicht da, wo ich heute bin."
Tim Eckhardt, 32, wurde in Erdsystemwissenschaften an der Uni Hamburg promoviert.

Wohngemeinschaft

Francesca (l.) und Emilia © Michael Kohls

"Ich lernte Emilia kennen, als ich zu ihr in ihre Zweizimmerwohnung in Berlin zog. Damals hatte sie bereits mit der Promotion begonnen. Obwohl sie oft von morgens bis tief in der Nacht an ihrer Diss arbeitete, unternahmen wir viel. Wir gingen auf Partys, ins Kino und in Museen. Oder wir saßen einfach stundenlang in der Küche und unterhielten uns über Politik oder Literatur. Durch Emilia konnte ich in die mir fremde akademische Welt eintauchen. Ich begleitete sie in Seminare und las anthropologische Texte. Manchmal übernachteten sogar Gastprofessoren bei uns.

Aber in der Endphase ihrer Promotion änderte sich unser WG-Leben. Wir haben immer weniger gemeinsam unternommen, auch weil wir so verschiedene Leben führten. Eines Abends, wenige Monate vor ihrer Abgabe, sagte sie, dass sie lieber allein wohnen wolle, und fragte, ob ich ausziehen würde. Das hat mir wehgetan, aber mit der Zeit verstand ich, dass sie mit dem Ende der Promotion einen neuen Lebensabschnitt beginnen wollte. Unsere Freundschaft hat sich davon schnell erholt. Wir sind noch immer eng verbunden."
Francesca La Vigna, 36, ist Projektmanagerin in einer Designagentur in Berlin.

"Für meine Promotion bin ich von Warschau nach Berlin gegangen. Ein Jahr später zog Francesca bei mir ein. Schon bei ihrer ersten E-Mail hat es bei mir gefunkt. Bald machten wir alles zusammen. Dass sie nichts mit der Uni zu tun hatte, entspannte mich total. Wir saßen oft stundenlang in unserer Küche und haben über Gott und die Welt geredet und fast nie über meine Dissertation. Die Ablenkung tat mir gut. Francesca wurde wie eine Schwester für mich. Wir haben ein ähnlich lebhaftes Temperament. Nach fünf Jahren wurde mir das Zusammenwohnen aber langsam zu viel. Nicht, weil mich Francesca beim Schreiben gestört hätte. Im Gegenteil: Sie hat mir Halt gegeben und mir immer gut zugeredet, wenn ich nicht weiterkam, aber ich habe mich nach einer Veränderung gesehnt. Das WG-Leben hat mir geholfen, mich in einem neuen Land nicht einsam zu fühlen. Ich dachte: Ich kann doch nicht für immer mit Francesca zusammenwohnen, nur aus Angst, allein zu sein. Ihr das zu sagen fiel mir schwer, aber sie hat mich verstanden. Heute sind wir zum Glück bessere Freundinnen als je zuvor."
Emilia Sułek, 43, promovierte in Asien- und Afrika-Wissenschaften an der HU zu Berlin.

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