Bericht aus dem ersten Semester

Mein erstes Semester beginnt, und ich sorge mich. Nicht, dass ich mich vor dem Stoff fürchten würde oder vor Prüfungen. Ehrlich gesagt ist es die Angst, allein zu bleiben. "Sprich einfach deine Sitznachbarn bei den Einführungsvorlesungen an", hatte mir eine Freundin geraten, die schon studiert. Ich unterdrücke also den Impuls, zwischen mir und dem nächsten Kommilitonen zwei Klappsitze freizulassen, rücke auf, atme leise durch und tippe jeden an, neben dem oder der ich gelandet bin. Erleichtert stelle ich fest, dass die meisten unglaublich froh sind, angesprochen zu werden.

Wir hangeln uns an den immer gleichen Fragen entlang: Wie heißt du? Wie alt bist du? Woher kommst du? Welches andere Fach studierst du noch? Warst du nach dem Abi im Ausland? Und dann: Hast du WhatsApp? Schnell füllt sich meine Kontaktliste mit neuen Nummern. Statt der Nachnamen notiere ich mir ein Stichwort: "Bernd Politik", "Hannah Rhetorik".

In diesen ersten Wochen meines Studiums in Tübingen ist alles aufregend, ein bisschen wie in einem fremden Land: So viele neue Themen! So viele interessante Kurse! Nur – welche darf ich davon überhaupt wählen? Und wohin muss ich auf jeden Fall? Nach ewigem Herumklicken im Uni-eigenen Anmeldesystem halte ich endlich meinen Stundenplan in den Händen. Ich staune selbst ein wenig, dass ich am Ende tatsächlich in den richtigen Veranstaltungen sitze.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2017/18.

Jede von ihnen ist eine Welt für sich. Da ist die Ringvorlesung Politik mit Powerpoint-Karaoke, aber auch der Rhetorik-Prof, der in jedem technischen Gerät einen Konkurrenten sieht und bei dem alle schnell ihren Laptop durch ein Schreibheft ersetzen. Etwas jedoch gilt immer und überall in Uni-Land: Benutze jedes Fremdwort, das du kennst. Wozu zusammenfassen, vereinfachen und verneinen, wenn man auch resümieren, simplifizieren und negieren kann? Anfangs nervt mich das, aber schnell entschlüpfen auch meinem Mund hochtrabende Begriffe. Und wenn schon. Schließlich ist es evident, dass ich mich als Studentin an den akademischen Sprachhabitus assimilieren muss.

Die Begeisterungsflaute kommt gegen Mitte des Semesters. Das Uni-Leben ist nicht mehr aufregend, sondern Routine. Von den vielen WhatsApp-Kontakten sind die meisten lose Hörsaalbekanntschaften geblieben. Immer öfter lese ich Texte nicht, die ich eigentlich vorbereiten sollte. Das merkt sowieso keiner, und ich kann es genauso gut hinterher machen. Oder nächste Woche. Oder kurz vor der Klausur. In einigen Vorlesungen frage ich mich, ob ich dort überhaupt etwas lerne. Muss ich wirklich in die Tiefen antiker Philosophie eintauchen, um heute Rhetorik zu verstehen – oder kann ich die Zeit nicht sinnvoller verbringen? Mit Netflix zum Beispiel?

Kurz vor Weihnachten will ich nur noch eins: endlich frei haben und bekannte Gesichter sehen! Dann sind es ausgerechnet meine Freunde aus der Abi-Zeit, die mich milder auf die Uni blicken lassen. Ich merke: Es ist normal, im Studium durch ein Tief zu gehen, anderen geht es genauso. Und ich ertappe mich dabei, dass ich viele Dinge aus der Vorlesung erzähle, die ich so gerne durch Netflix ersetzen wollte.

Zwei Monate später sind fast alle Klausuren geschafft. Ich arbeite an meinen ersten Hausarbeiten und stelle erstaunt fest, dass ich wieder voller Energie bin. Mit einem Kaffeebecher und einem Stapel Bücher sitze ich in der Bibliothek und lese mich fasziniert in immer neue Details ein. Richtig studentisch fühlt sich das an.

Als das Semester fast vorbei und die letzte Klausur geschrieben ist, stehe ich mit ein paar Hörsaalbekannten an der Haltestelle. Plötzlich sagt einer: "Irgendwie blöd, dass wir uns jetzt zwei Monate nicht sehen – lasst uns doch nächste Woche was zusammen machen."