Sie studierte Jura aus Vernunft, er fiel durch mehrere Mathe-Klausuren. Zwei Studenten über ihren Abbruch und die Chance, die danach kam

Als Schülerin wusste Tabea Jassenkoff, dass sie eines Tages beim Film arbeiten möchte. "Meinen Namen im Abspann zu lesen, das war mein großer Traum", sagt sie. Aber als es nach dem Abi darum ging, sich für ein Studium oder eine Ausbildung zu entscheiden, wurde sie unsicher: Wer schaffte es schon, beim Film zu landen? Ihr Berufswunsch schien ihr auf einmal unerreichbar zu sein. Also suchte sie nach einer Alternative. Und schrieb sich stattdessen für Jura an der Universität in Mainz ein. Das war vernünftiger, sagte sie sich. Außerdem reizte sie die Vorstellung, später mit ihrer Arbeit als Anwältin für Gerechtigkeit einzutreten.

Schon in den ersten Vorlesungen holte sie die Realität ein. Wer hier sei, um sich für Gerechtigkeit einzusetzen, der könne gleich wieder aufstehen, sagte einer der Dozenten. Als Anwalt müsse man seinen Mandanten bestmöglich vertreten, egal ob Angeklagter oder Nebenkläger, schuldig oder unschuldig. Tabeas Kommilitonen schien das nicht zu verunsichern. "Viele von ihnen wussten, dass sie genau das tun möchten", sagt sie. Klar fand auch Tabea, dass jeder das Recht auf einen engagierten Verteidiger haben sollte. Trotzdem wuchsen mit jedem Tag die Zweifel und das Gefühl, in ihrem Studienfach fehl am Platz zu sein. "Ich war einfach nicht mit dem Herzen bei der Sache", sagt sie.

Aufgeben oder durchhalten?

Für die ersten Klausuren machte sie es wie alle, sie setzte sich hin und lernte und lernte. Las Fälle durch und versuchte, sie mithilfe ihrer Gesetzestexte zu lösen. Dabei fragte sie sich immer häufiger: Will ich das wirklich? Muss ich mir das antun? "Irgendwann konnte ich mich nicht mal mehr aufraffen, die Bücher aufzuschlagen", erzählt sie. Also gönnte sie sich eine Pause und verschob die Klausuren. Im zweiten Semester nahm sie einen neuen Anlauf. Aber schnell war da wieder dieser innere Widerstand, sie merkte: "Eigentlich will ich etwas ganz anderes. Ich will zum Film, auch wenn es schwer wird."

Sie beschloss, das Jura-Studium abzubrechen. Ihren Eltern erzählte sie am Telefon davon. Ihre Mutter reagierte anders, als Tabea es erwartet hatte: "Das hat doch eh nie richtig zu dir gepasst", sagte sie. Sofort schrieb Tabea zehn Bewerbungen an Filmproduktionsfirmen. Schon die erste stellte sie als Praktikantin ein.

Jeder Vierte schmeißt hin

"Ein Studienabbruch ist auch eine Chance", das hat Elke Mittag immer wieder verzweifelten Studenten erklärt, die bei ihr in der Studienberatung saßen. Und das waren viele. Etwa jeder vierte Bachelorstudent bricht sein Studium ab, zeigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung. An Unis schmeißt sogar jeder Dritte hin.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2017/18.

"Die meisten kommen nach den ersten zwei bis drei Monaten. Dann ist die Anfangseuphorie vorbei, und sie erleben einen Realitätsschock, weil sie feststellen, dass der Studienalltag nicht ihren Erwartungen entspricht", sagt Mittag. Was sie ihnen rät? Die eigene Situation zu analysieren und sich zu überlegen: Ist wirklich das Studium mein Problem, oder liegt es an etwas anderem? Es kann viele Gründe geben, warum man während des Studiums in eine Krise gerät: Versagensängste, Leistungsdruck, finanzielle Probleme, Heimweh, das Ende einer Beziehung.

Manchmal reicht es, ein paar Dinge zu verändern, zum Beispiel einen Kurs für Lernstrategien zu besuchen, wie es ihn an vielen Hochschulen gibt. Oder sich klar zu machen, dass nicht alles im Studium gleich interessant sein kann. "Oft helfen auch ein paar Sitzungen bei der psychologischen Beratungsstelle der Uni, um wieder Fuß zu fassen", sagt Mittag, die heute die Koordinierungsstelle für Studieninformation und -beratung in Niedersachsen leitet. Es gebe aber auch Fälle, in denen ein klarer Schnitt das Beste sei. "Das kann ein Fachwechsel sein, der Wechsel an eine FH oder ein Urlaubssemester für ein Praktikum, um herauszufinden, ob sich daraus berufliche Perspektiven ergeben."

Noch mal mit Gefühl

"Den Aha-Moment hatte ich während meines Praktikums bei der Filmproduktionsfirma", sagt Tabea. Jeder, den sie fragte, wie er zum Film gekommen war, hatte etwas anderes studiert: Philosophie, Germanistik oder Geschichte zum Beispiel. "Ich kann also studieren, worauf ich Lust habe", schloss sie daraus. Kurze Zeit später schrieb sie sich für den Studiengang "Kultur – Theater – Film" an der Uni Mainz ein – und hatte das Gefühl, angekommen zu sein. "Es gab Vorlesungen, in denen wir Filme geguckt oder über Theaterstücke diskutiert haben", sagt sie. Klar gab es auch dieses Mal lange Lernnächte und stressige Klausurphasen. "Aber diesmal wusste ich, wofür ich das mache", sagt Tabea.

Das Studium hat sie in sieben Semestern durchgezogen und danach ein Volontariat gemacht, weil das die Voraussetzung für viele Jobs beim Film und bei vielen Fernsehsendern ist. Heute, mit 25, ist sie Redakteurin bei Macondo – der Firma, bei der sie ihr erstes Filmpraktikum gemacht und für die sie auch während des Studiums weiter gearbeitet hat.

Auf krummen Wegen zum Ziel

Auch René Vögeli ist in seinem Leben ein paar Mal falsch abgebogen – und trotzdem in einem Beruf angekommen, der zu ihm passt. Seit einem Jahr arbeitet der 29-Jährige als Leiter der Abteilung für Softwareentwicklung bei der Rangee GmbH in Aachen. Der Weg dorthin verlief allerdings alles andere als gerade.

Nach der Schule hatte René angefangen, Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. "Technische Fächer haben mich schon immer interessiert, und die Jobaussichten für Ingenieure waren top", sagt er. Im ersten Semester lief alles gut. Aber dann stiegen die Anforderungen, und René hinkte immer stärker hinterher. "Der Stoff war total trocken. Mir fehlte der Praxisbezug", sagt er. Vor allem Elektrotechnik und Mathematik bereiteten ihm Probleme, es fiel ihm schwer, dranzubleiben.