Manchmal müssen Bewerber Prüfungen bestehen, um ihren Wunschstudienplatz zu bekommen. Drei Erfahrungsberichte

Die Architektur-Aufgabe

Die ausgewählten Türme Nürnbergs sollen von Ihnen in drei Schritten unter die Lupe genommen werden; erstens räumlich, zweitens funktional, drittens konstruktiv (...).

Für den zweitägigen Eignungstest im Studiengang Architektur an der Technischen Hochschule Nürnberg erhielten Bewerber neben einem detaillierten Ablaufplan ein DIN-A4-Blatt mit Aufgaben. Zusätzlich zur oben genannten Aufgabe mussten sie das Modell eines Rettungsschwimmerturmes entwickeln und bauen und in einem Gespräch ihre Arbeiten erläutern. Das Info-Blatt enthielt Hilfestellungen, zum Beispiel wurde erläutert, was in der Aufgabe oben mit den Begriffen räumlich, funktional und konstruktiv gemeint ist.

Ich hätte besser vorbereitet sein müssen!

Die Bewerbergruppe, der ich zugeteilt war, sollte den Nürnberger Schuldturm zeichnen. Ich bin in Nürnberg aufgewachsen, von einem Schuldturm aber hatte ich noch nie gehört. Das ging den anderen nicht anders. Gemeinsam zogen wir mit unseren Blöcken, Bleistiften und dem Smartphone als Navi in der Hand los, ein bunter, ziemlich nervöser Haufen. Es herrschte keine Konkurrenzstimmung. Ich weiß nicht, ob das typisch ist für Architektur oder ob ich einfach Glück hatte. Jedenfalls tat es gut, dass es kein Jeder-gegen-jeden-Gefühl gab. Fragen haben wir doch alle, und ich fand es schön, dass ich mich mit den anderen austauschen konnte. Es wurden sogar Studenten von der Fach- schaft mitgeschickt, die uns den einen oder anderen Tipp gaben. Mir sagte zum Beispiel einer: Denk an die Staffage. Staffage, was ist das?, hätte ich mich vor Kurzem noch gefragt. Zum Glück hatte mir ein Kumpel, der Architektur studiert, nicht nur einiges über das Fach erzählt, sondern mir auch seine Skizzen erklärt. Ich zeichnete also noch Menschen dazu, damit der Betrachter ein Ge- fühl für die Proportionen bekommt. Das Zeichnen ging mir leicht von der Hand, nur die Uhr tickte ziemlich unerbittlich. Ich zeichnete sehr detailliert, und so manche Skizze landete im Müll, da hätte ich vielleicht etwas zielgenauer sein müssen.

Dann ging es wieder an die Hochschule, wo wir das Modell eines Rettungsturms aus Karton und Holz bauen mussten. Damit kam ich gut klar. Wirklich angespannt war ich am nächsten Tag, beim Gruppengespräch. Gleich zu Beginn patzte ich. In meinem Motivationsschreiben hatte ich angegeben, dass ich Zaha Hadids Bauwerke bewundere. Ein Professor fragte, welche ich in der Nähe kenne, und ich nannte die Bergiselschanze in Innsbruck, das ist aber natürlich etwas weiter weg. Er erzählte, dass Hadid ihre erste Messehalle in Nürnberg schuf, das hatte ich nicht gewusst. Ich hätte besser vorbereitet sein müssen! Andererseits: Ich will ja studieren, um zu lernen. Ich habe versucht, keine Aus- flüchte zu suchen, und versprach, mir die Messe anzuschauen, dann wechselten die Prüfer das Thema. Wir sprachen über meinen Rettungsturm und die Skizzen. Zum Glück fand bei-des ziemlichen Anklang, und ich bekam den Platz.

Protokoll: Madlen Ottenschläger

Die Sport-Aufgabe

(...) Boden: Rolle vorwärts, Strecksprung mit halber Drehung; Rolle rückwärts durch den Hockstütz oder Handstand; Aufschwingen in den Handstand (abrollen erlaubt); Anlauf, Anhüpfer und Rad (...)

Diese Aufgabe zum Bodenturnen ist eine von insgesamt 20, die Bewerber an der Sporthochschule Köln schaffen müssen. Erlaubt ist ein einziger Patzer, ein sogenanntes Defizit. Am Ende des Prüfungstages müssen die Bewerber noch einen Ausdauerlauf absolvieren. Frauen müssen 2.000 Meter in maximal zehn Minuten schaffen, Männer auf 3.000 Metern unter 13 Minuten bleiben. Viele andere Hochschulen in Deutschland erkennen den Test ebenfalls an. Bei einem "Übetag" an der Hochschule kann man die Sportanlagen kennenlernen und Tipps einheimsen. Die Prüfung kann man so oft wiederholen, wie man möchte.

Was im Sporteignungstest in Köln er- wartet wird, musste ich mir mehrmals durchlesen, um es zu behalten. Es war so viel! 100 Meter Kraulschwimmen in 1:48 Mi-nuten, 1,20 Meter im Hochsprung, 6,75 Meter Kugelstoßen, Turnen, Mannschaftsspiele und am Ende, wenn man völlig erschöpft ist, ein Ausdauerlauf. Ich bekam schon beim Lesen Respekt. Doch ich wollte es unbedingt schaffen, denn das Sportstudium gehörte zu meinem Plan: Ich will später einmal Prothesen entwickeln. Dafür brauche ich ein breites Verständnis von Anatomie, Sport und Technologie.

Alles ein bisschen können reicht

Zwei Pluspunkte hatte ich. Erstens habe ich in meiner Kindheit und Jugend viel ausprobiert: Fußball, Reiten, Badminton, Schwimmen, Radfahren, Laufen, Volleyball und Basketball. Ich wusste also, dass ich sportlich bin, und in der Prüfung kommt es darauf an, alle Disziplinen ein bisschen zu beherrschen, keine perfekt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2018/19.

Zweitens hatte ich genug Zeit. Etwa ein Jahr vor der Prüfung begann ich mit der Vorbereitung. Meine Schule erlaubte mir dafür sogar, die Turnhalle zu nutzen. Ich habe mir für jeden Abend Kraftübungen für die Armmuskulatur verordnet, zwei- bis dreimal pro Woche bin ich geschwommen. Alle geforderten Aufgaben habe ich durchprobiert. Schnell hat sich herausgestellt, dass Turnen mein Schwachpunkt ist.

Der Eignungstest sollte an einem Tag im Februar in Köln stattfinden. Ich habe meine Badminton-Ausrüstung, zwei Paar Schuhe, Schwimmsachen, Handtücher und eine lange und eine kurze Sporthose eingepackt. Das kann ich jedem empfehlen, denn wenn man im Februar einen Tag lang Sport macht, wird es einem abwechselnd zu warm und zu kalt.

Angstdisziplin: Turnen

Am Abend davor habe ich wenig gegessen und bin früh ins Bett gegangen. Dass man sich am Vorabend nicht betrinkt oder einen fetten Döner reinhaut, ist ja klar. Frühmorgens sind wir dem Alphabet nach in Gruppen aufgeteilt worden. Alles war detailliert durchgeplant. Kein Wunder bei mehr als tausend Teilnehmern. Erst kam Schwimmen, dann Leichtathletik, Turnen, Badminton, Fußball und schließlich Laufen.

Gleich in der ersten Runde hatten zwei aus meiner Gruppe je zwei der gefürchteten Defizite. Sie haben die Anforderungen nicht erfüllt und mussten nach Hause gehen. Erlaubt ist nur ein einziges Defizit! Weil wir alle im selben Boot saßen, haben wir uns Mut zugesprochen, obwohl wir uns nicht kannten. Hatte man eine Disziplin geschafft, applaudierten die anderen. Es hat mir Kraft gegeben, dass wir als Gruppe durch den Tag gegangen sind.

Am Ende Jubeln

Dann kam meine Angstdisziplin: das Turnen. Wenn ich das Auf- und Umschwingen an der Reckstange nicht wieder und wieder geübt hätte, wäre ich gescheitert. Aber Turnstangen gibt es zum Glück auf jedem Spielplatz, und so habe ich die Übung gemeistert. Mein schrecklichster Moment kam danach. Von einer Rückwärtsrolle musste ich in den Handstand kommen. Bei der Turnprüfung ist es mucksmäuschenstill, alle sind konzentriert. Jetzt gilt es, sich zu sammeln, runterzukommen. Ich atme tief ein und aus. Ich weiß noch, ich hatte so eine Gewissheit in mir, dass es klappt. Und dann habe ich es im ersten Versuch nicht geschafft, weil ich nicht genug Schwung hatte. Der zweite musste nun unbedingt gut werden. Ich war supernervös. Mit großer Aufregung, aber voller Konzentration bin ich wieder in die Rückwärtsrolle gestartet – und dann tatsächlich auf den Händen zum Stehen gekommen!

Je mehr Aufgaben ich geschafft habe, desto mehr hat auch meine Nervosität nachgelassen. Die Prüfer waren nett und hatten Verständnis für unsere Aufregung. Vor ihnen mussten wir keine Angst haben. Aber wer sich gleich am Anfang des Tages ein Defizit holt, braucht wirklich enorme Nervenstärke.

Zum Schluss kam der Ausdauerlauf dran: Als ich gesehen habe, dass ich unter der Höchstzeit geblieben bin, war es ein unbeschreibliches Gefühl. Alle sind herumgesprungen, haben gefeiert und sich umarmt.

Protokoll: Gustav Beyer

Die BWL-Aufgabe

Die BWL-Aufgabe

Your Professor assigns you to a team of two for group work. You seem to have been unable to build a successful working relationship with the other student so far. How will you react?

Das Auswahlgespräch an der ESB Business School der Hochschule Reutlingen für den Studiengang International Business besteht aus vier Elementen, darunter ein sogenanntes Szenario wie das oben abgedruckte, bei dem die Bewerber mit einer Situation aus dem Studienalltag konfrontiert werden. Weitere Elemente sind Fragen zu einem Wirtschaftsartikel, den man bereits im Vorfeld zugeschickt bekommt, sowie Fragen zur Motivation, an der ESB zu studieren. Darüber hinaus können auch die Bewerber der Jury Fragen zum Studium stellen. Dem Gespräch ist ein Online-Test vorgeschaltet, den man von zu Hause aus absolviert. Das Auswahlgespräch findet auf Englisch statt, an der Hochschule wird auf Englisch studiert.

Als die Prüfer mir diese Frage stellten, war ich fast ein bisschen erleichtert. Dazu fiel mir sofort etwas ein. Ich habe gesagt, dass ich nicht abwarten würde, wie es mit der Zusammenarbeit läuft, sondern die Schwierigkeiten gleich zu Beginn ansprechen würde. Nach dem Abitur habe ich in Australien gearbeitet, mich in Thailand und Kambodscha durchgeschlagen, noch zu Schulzeiten habe ich an einem Austausch mit Irland teilgenommen. Spätestens wenn man längere Zeit in anderen Kulturen verbracht hat, weiß man, dass Menschen unterschiedlich ticken und Missverständnisse ganz normal sind. Das muss man ansprechen, man darf sich nicht verkriechen. Um meine Antwort zu untermauern, habe ich den Prüfern auch von diesen Erfahrungen erzählt. Sie wirkten zufrieden. Leider waren nicht alle Aufgaben so leicht wie diese.

Bevor ich nach Reutlingen gefahren bin, musste ich einen Online-Test bestehen. Es ging vor allem um mathematische Fähigkeiten und logisches Denken. Im Abitur war ich in Mathe gut, doch in dem Test musste ich Prozentrechnungen lösen, das kam bei mir zuletzt in der zehnten Klasse dran. Zum Glück konnte ich das meiste spontan aus meinem Gedächtnis hervorkramen. Schließlich wurden noch Englischvokabeln abgefragt. Viele hatte ich noch nie gehört, obwohl ich eigentlich ganz gut Englisch spreche. Viel später habe ich erfahren, dass es meinen jetzigen Kommilitonen ähnlich ging. Vielleicht war das Absicht, um zu schauen, wie nervenstark die Bewerber sind? Jedenfalls muss man nicht alle Testfragen perfekt beantworten, um weiterzukommen. Speziell dafür üben konnte man auch nicht.

Karriere und Leistung sind wichtig

Umso intensiver habe ich mich auf das Gespräch vorbereitet. Im Vorfeld hatten wir Bewerber einen Zeitungsartikel bekommen. Es ging um die Entwicklung der Stahlindustrie in den USA und die Pläne von US-Präsident Donald Trump, Stahlimporte mit Strafzöllen zu belegen. Ich habe den Artikel zusammengefasst und versucht, alles zu verstehen. Mit meiner Familie habe ich überlegt, was für Fragen kommen könnten.

Die ersten Fragen waren unkompliziert. Ich sollte den Textinhalt zusammenfassen und wichtige Stichpunkte nennen. Die Prüfer waren locker und freundlich. Doch dann fragten sie auf einmal, auf welchem Stand die Stahlindustrie in Deutschland ist und wie sie sich entwickelt. Ich war regelrecht geschockt. In meinem Kopf formte sich ein einziges großes "Äh?".

Vor dem Gespräch hatte ich mir fest vorgenommen, selbstbewusst aufzutreten, komme, was wolle. Schließlich wollte ich International Business studieren, und im Geschäftsleben gehört eine sichere Ausstrahlung dazu. Ich habe also gesagt, dass die Zölle sich negativ auf die deutsche Stahlindustrie auswirken würden, weil der Export hier eine große Rolle spielt und viele Arbeitsplätze daran hängen. Damit bin ich der Frage natürlich ausgewichen. Aber wenigstens habe ich die Situation gemeistert.

Wenn ich heute noch einmal zur Prüfung antreten müsste, würde ich mich noch breiter vorbereiten und vor allem detaillierter recherchieren. Man muss nicht nur den Text verstehen, den man vorab bekommt, sondern sich auch mit dem Thema insgesamt befassen. Dann bleibt man über Wasser.

Die letzten Fragen drehten sich dann hauptsächlich um meine bisherigen Erfahrungen und um meine Motivation, an der ESB zu studieren. Die Antwort fiel mir leicht. Mit 16 habe ich die Hochschule auf einer Studienmesse kennengelernt, dort hörte ich von kleinen Lerngruppen und der internationalen Atmosphäre auf dem Campus. Seither wollte ich unbedingt dorthin. Ich glaube, das habe ich ausgestrahlt. Ich erwähnte auch den Reutlinger "Spirit", über den ich im Netz gelesen hatte. Karriere und Leistung sind für uns Reutlinger Business-Studenten wichtig, aber genauso zählen gegenseitige Unterstützung, Vertrauen und soziales Engagement. Aus heutiger Perspektive muss ich sagen: Darauf sind wir hier ziemlich stolz. Es war also sicher keine schlechte Idee, dass ich das damals als Bewerberin erwähnt habe.

Protokoll: Gustav Beyer