Als Freiwilligentourist ins Ausland? Keine gute Idee, findet Antje Monshausen von Tourism Watch

ZEIT Campus: Volontourism, also Freiwilligentourismus, wird immer beliebter. Was genau ist das eigentlich?

Antje Monshausen: Es handelt sich um kurze Freiwilligeneinsätze von einer Woche bis zu drei Monaten, die oft zusammen mit Reisen angeboten werden. Zum Beispiel macht man eine zehntägige Safari-Tour und arbeitet noch zwei Wochen in einem Sozial- oder Umweltprojekt in Afrika.

ZEIT Campus: Man lernt also die Welt kennen und tut Gutes.

Monshausen: So einfach ist es nicht. Gerade im Zusammenhang mit sozialen Projekten bergen Volontourism-Angebote Risiken.

ZEIT Campus: Welche meinen Sie?

Monshausen: Besonders stark nachgefragt ist die Arbeit mit Kindern. In vielen Ländern der Welt, zum Beispiel in Kambodscha oder Nepal, werden für das Geschäft mit Touristen und Freiwilligen eigens Waisenhäuser eröffnet. Weil sich damit Geld verdienen lässt, werden Kinder teilweise sogar von ihren Familien getrennt und wachsen ohne ihre Eltern auf. Zudem sind Kurzzeiteinsätze gerade bei Kindern problematisch, weil diese sich immer wieder auf neue Freiwillige einlassen müssen. Kaum haben sie sich an jemanden gewöhnt, ist er weg. Das kann Bindungsängste auslösen.

ZEIT Campus: So etwas will ja kein Freiwilliger.

Monshausen: Natürlich nicht. Vielen sind die Risiken gar nicht bewusst. Sie wollen sich ja wirklich engagieren und etwas Gutes tun. In den Werbeanzeigen wird schließlich genau das versprochen.

ZEIT Campus: Gibt es unproblematische Einsätze?

Monshausen: Eventuell findet man welche im Umweltbereich, Schmetterlingsarten zählen oder Ähnliches. Unabhängig vom jeweiligen Projektinhalt sehe ich aber auch ein grundsätzliches Problem beim Volontourism.

ZEIT Campus: Welches?

Monshausen: Die Freiwilligen sind gleichzeitig Kunden. Sie bezahlen für das Programm und haben dementsprechend hohe Erwartungen. Wenn diese nicht erfüllt werden, tun sich Freiwillige schwer damit, sich intensiv zu engagieren. Für die aufnehmende Organisation ist es wichtig, dass die Freiwilligen verlässlich sind und sorgfältig ausgewählt wurden.

ZEIT Campus: Ist das nicht der Fall?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2018/19.

Monshausen: Wir haben uns die öffentlich zugänglichen Anbieterinformationen zu 50 Angeboten auf dem deutschen Markt angeschaut. Kein einziges davon erforderte ein Bewerbungsgespräch. Nur ein Viertel verlangte einen Lebenslauf. Dabei wäre etwas Vorerfahrung bei vielen Einsätzen wichtig. Die wird von vielen Veranstaltern aber gar nicht erst abgefragt.

ZEIT Campus: Gibt es Alternativen zum Volontourism?

Monshausen: Eine Chance liegt in den auf längere Zeit angelegten, nicht kommerziellen Freiwilligendiensten, die im Rahmen von "weltwärts" gefördert werden. Dort sind zum Beispiel 25 Seminartage verpflichtend, in denen der Aufenthalt vorbereitet, begleitet und nachbereitet wird. Die Teilnehmer befassen sich unter anderem mit interkultureller Kommunikation und Länderkunde.

ZEIT Campus: Wie kann man denn herausfinden, ob man vor Ort wirklich von Nutzen sein kann?

Monshausen: Am besten überlegt man sich, ob man sich die Tätigkeit in Deutschland zutrauen würde. Wenn nicht, sollte man sie erst recht nicht in einem anderen Land ausüben. Ein Beispiel: Wenn jemand keine Lehrerfahrung hat, sollte er nicht selbstständig unterrichten. Egal wo.

ZEIT Campus: Als Abiturient hat man aber häufig noch nicht so viel zu bieten.

Monshausen: Das ist ja auch völlig in Ordnung. Aber warum muss man alles auf einmal machen? Schon das erste Mal voll zu arbeiten, fordert einen. Warum muss es dann auch noch in einem Entwicklungsland sein? Ich bin überzeugt, dass es für viele besser wäre, wenn sie sich nicht gleich nach dem Abitur, sondern erst nach dem Bachelor im Ausland engagieren. Nach dem Abi könnten sie erst mal bei Sozial- oder Umweltprojekten in Deutschland mitarbeiten. Mit diesen Erfahrungen könnten sie einen Freiwilligeneinsatz später viel sinnvoller gestalten.