In vielen Studiengängen ist Mathe Pflicht. Wie man damit klarkommt, sagt Professor Albrecht Beutelspacher

ZEIT Campus: Herr Beutelspacher, woher weiß ich, dass in einem Fach Mathe vorkommen wird?

Albrecht Beutelspacher: Wenn das Wort "Statistik" auftaucht, kann man sicher sein, dass im Studium Mathe steckt. In Fächern wie BWL, Meteorologie oder Psychologie werden viele empirische Daten erhoben, die man auswerten und berechnen muss. Auch hinter "quantitative Methoden" verbirgt sich Rechnen.

ZEIT Campus: Was, wenn ich für mein Wunschfach Mathe brauche, in der Schule darin aber nur mittelmäßig war. Kann ich es trotzdem studieren?

Beutelspacher: Ja, natürlich. Niemand sollte sich deshalb von seinem Lieblingsfach abhalten lassen. Mathe kann im Prinzip jeder. Aber man muss diesen Teil ernst nehmen. Wer in der Schule mit überschaubarem Aufwand eine Drei geschrieben hat und meint, das klappt auch an der Uni, liegt falsch.

ZEIT Campus: Uni-Mathe ist schwerer als Schul-Mathe?

Beutelspacher: Nicht schwerer, aber das Tempo ist höher. In einer Doppelstunde an der Uni nimmt man in der Regel mindestens ein Kapitel durch. In der Schule würde man dafür etwa vier Wochen brauchen. Grob gesagt: In der Uni geht es etwa fünf- bis zehnmal so schnell voran wie in der Schule. Es wird einem zwar alles erklärt – aber nur einmal! Das Thema wird nicht so lange vorgekaut, bis es auch der Letzte verstanden hat.

ZEIT Campus: Was muss ich tun, um da mitzukommen?

Beutelspacher: Zunächst mal von Anfang an auch wirklich mitmachen. Mathe baut stringent aufeinander auf. Wenn man da nach drei Wochen zum ersten Mal in die Vorlesung geht, hat man keine Chance, den Anschluss zu bekommen. Das ist wie bei der Formel 1: Wer den Start verschläft, hat verloren.

ZEIT Campus: Und außerdem?

Beutelspacher: Man sollte Mathe so angehen wie ein Sportprogramm oder wie Klavierstunden: Wer fleißig übt, kann mit der Zeit auch wirklich spielen. Manchen fällt es leichter, wenn sie sich vor Augen halten, wozu der Mathestoff gut ist. Zum Beispiel, dass man in Psychologie plötzlich in der Lage ist, Umfragen auszuwerten. Mathe kommt ja nicht deshalb in vielen Fächern vor, weil die Professoren bösartig wären, sondern weil der Stoff im Studium gebraucht wird.

ZEIT Campus: Wie viel Zeit muss ich für Mathe einplanen?

Beutelspacher: Zuerst einmal die Vorlesung – das sind 90 Minuten Frontalunterricht. Den Stoff, der einem da präsentiert wird, hat man noch nicht gelernt! Dafür sind mindestens noch einmal zwei Stunden Eigeninitiative nötig. Außerdem wird in einer Vorlesung nichts geübt. Dafür gibt es die Übung zur Vorlesung, zu der man ebenfalls gehen sollte. Das sind noch mal 90 Minuten. Die Aufgaben, die man dort bekommt, sollte man unbedingt zu lösen versuchen.

ZEIT Campus: Gerade an den Übungsaufgaben beißen sich viele die Zähne aus …

Beutelspacher: Es gibt keinen Grund, sich von dem Stoff einschüchtern zu lassen. Am besten setzt man sich dafür mit einer Lerngruppe zusammen – insgesamt sollte man für vier Stunden Mathe im Stundenplan noch einmal so viel Zeit für die Nachbereitung einplanen. Geteiltes Leid ist halbes Leid, und gemeinsam schafft man Erfolgserlebnisse. Wenn man mit anderen zusammen lernt, dann lösen sich die vermeintlich so schweren und blöden Übungsaufgaben gleich viel leichter.

ZEIT Campus: Was mache ich, wenn ich trotz aller guten Vorsätze anfange zu schwimmen?

Beutelspacher: Solche Phasen der Desorientierung hat fast jeder einmal. Man kann sie überstehen. Das klappt jedoch nicht, indem man zu Hause bleibt und wartet, bis sie vorbeigehen. Man muss dagegen angehen. Erste Ansprechpartner sind die Tutoren und Assistenten, die die Übungen abhalten. Natürlich kann man auch die Professoren um Unterstützung bitten. Nur so wissen sie, woran es hakt, und können vielleicht auch in der Vorlesung darauf Rücksicht nehmen.

ZEIT Campus: Viele Unis bieten vor dem Studium Vor- oder Brückenkurse in Mathe an. Lohnen die sich?

Beutelspacher: Die Kurse sind überlebensnotwendig für alle, die nicht mehr den gesamten Mathestoff der Schulzeit parat haben. Der Stoff aus der Oberstufe, also Funktionen und Ableitungen, ist bei den meisten noch relativ frisch. Vor allem Erstsemester haben aber häufig große Defizite beim Stoff aus der Mittelstufe: Bruchrechnen, binomische Formel, pq-Formel. Dieses Handwerkszeug setzen aber alle Professoren voraus. Es ist also eine sehr gute Idee, das rechtzeitig zu wiederholen.