Im ersten Semester läuft noch nicht alles rund? Studierendencoach Juliane Heess weiß Rat.

"Ich kenne hier keinen so richtig"

Das geht am Anfang vielen so. Vor allem in großen Studiengängen lernt man zwar schnell Leute kennen, die Verbindung bleibt aber oft lose. Eine gute Möglichkeit, engere Kontakte zu Kommilitonen aus dem eigenen, aber auch aus höheren Semestern zu knüpfen, ist es, sich in der Fachschaft zu engagieren. Oder man bildet eine Lerngruppe. Das hat zwei Vorteile: Man profitiert von dem Wissen der anderen und findet dabei häufig Freunde. Auch beim Hochschulsport trifft man neue Leute. Oder man verabredet sich mit Kommilitonen, die die gleichen Interessen haben, geht zum Beispiel gemeinsam joggen oder in eine Ausstellung.

"Der Stoff erschlägt mich"

Viele Studierende kommen direkt von der Schule. Sie sind es gewohnt, den gesamten Stoff zu lernen und auf diese Weise eine gute Note zu schreiben. Im Studium funktioniert das nicht mehr. Man sollte sich von dem Gedanken verabschieden, alles bis ins kleinste Detail zu können. So viel Zeit hat man meistens nicht, die Stoffmenge ist einfach zu groß. Stattdessen muss man selbstständig herausfinden: Was ist hier wichtig? Vielen hilft es, sich dabei an den Vorlesungsmaterialien zu orientieren, denn darin haben die Lehrenden das Wichtigste zusammengefasst. Bücher und Artikel sollte man sich ergänzend dazu vornehmen.

"Mein Tag hat einfach zu wenig Stunden"

Eine gute Orientierungshilfe, um seinen Tag zu strukturieren, ist die "3 x 8"-Regel. Dabei teilt man sich die 24 Stunden des Tages in drei gleich große Abschnitte ein: acht Stunden für den Schlaf, acht Stunden für das Studium und acht Stunden für andere Aktivitäten wie Freizeit, Freunde und sonstige Verpflichtungen. Damit schafft man schon mal eine gute Grundlage. Ein Studium ist mit einem Vollzeitjob vergleichbar, daher empfehle ich, dass man sich auch eine Art Job-Mentalität zulegt und 40 Stunden pro Woche dafür einplant. Das lässt einem genügend Zeit, sich auch anderen Dingen zu widmen. Viele Studienanfänger wohnen zum ersten Mal allein und müssen sich erst daran gewöhnen, ihr Leben selbst zu organisieren. Im ersten Semester geht es vor allem darum, im Uni-Leben anzukommen.

"Ich schaue beim Lernen ständig auf mein Handy"

Es bringt nichts, sich das komplett zu verbieten. Ratsamer ist es, 45 bis 50 Minuten konzentriert zu lernen und nach dieser Lerneinheit etwa zehn Minuten Pause zu machen. In dieser Zeit darf man nachschauen, was bei Instagram grade passiert ist oder wer einem WhatsApp-Nachrichten geschickt hat. Wenn die Pause vorbei ist, sollte man den Flugmodus einschalten oder das Handy in den Bibliotheksspind legen und mit der nächsten Lerneinheit beginnen. So kann man die Störfaktoren bewusst ausschalten. Wenn man zu Hause lernt, gibt es noch weitere "Ablenker", etwa die Geschirrspülmaschine, die ausgeräumt, oder das Zimmer, das gesaugt werden muss. Auch da ist es gut, gezielt Zeit einzuplanen, in der man sich darum kümmert. Dann hat man keine Ausrede mehr, wenn man innerhalb eines 45-Minuten-Lernblocks die Lust verliert.

"An freien Tagen schaffe ich nichts"

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2018/19.

Das geht vielen so. Sie nehmen sich fest vor, auch an vorlesungs- und seminarfreien Tagen etwas für die Uni zu tun. Aber dieses Vorhaben ist so unspezifisch, dass ihnen die Motivation fehlt, sich dann auch wirklich an den Schreibtisch zu setzen. Ich empfehle, einen genauen Lernplan zu entwerfen, mit dem man den Stoff in kleinere Häppchen aufteilt und Wochenziele, Tagesziele und sogar Stundenziele formuliert. Für einen freien Tag könnte man sich zum Beispiel vornehmen: Morgen lege ich sechs Lerneinheiten von je 45 Minuten ein. Und dann plant man, mit welchen Themen man sich in den jeweiligen Lernblöcken befassen möchte. Das macht den Lernstoff vorhersehbar, abgrenzbar und auch schaffbar. Das Schöne ist, dass man seine eigenen Fortschritte so sehr gut erkennen kann und am Abend vielleicht sogar weiß: Heute habe ich alles hinbekommen, was ich mir vorgenommen habe.

"Ich frage mich, ob ich das Richtige studiere"

Solche Zweifel können aus unterschiedlichen Gründen entstehen. Manchmal ist die Ursache gar nicht fehlendes Interesse am Fach, sondern Unwissenheit über geeignete Lernstrategien und darüber, wie man sein Studium am besten organisiert. Es kann auch sein, dass einem das selbstständige Arbeiten an komplexen Fragestellungen, das an der Uni verlangt wird, nicht entspricht und man möglicherweise in einem dualen Studium oder in einer Ausbildung besser aufgehoben wäre. Um herauszufinden, woran genau es hakt, sollte man sich viele Fragen stellen, etwa, warum man sich ursprünglich für dieses Studienfach entschieden hat, wo man beruflich hinwill und was einen gerade stört. Es hilft, die Gedanken auf dem Papier zu sortieren, dabei wird einem häufig vieles klarer. Kommt man allein nicht weiter, kann man sich an eine Studienberatung oder an die Berufsberatung der Arbeitsagentur wenden.

"Ich kann mich nicht entspannen"

Wer mit diesem Problem zu mir kommt, den bitte ich, eine Woche lang aufzuschreiben, was er wann tut. Dabei stellt sich häufig heraus, dass viele drei bis vier Stunden durchpauken und sich danach ausgelaugt fühlen. Sie sind viel zu lange angespannt und schaffen es nicht, den Kopf frei zu bekommen. Häufig hilft es schon, nicht länger als 50 Minuten am Stück zu lernen und sich dann kurz auszuruhen, bevor man weitermacht. Gegen Mittag sollte man eine längere Pause einlegen und sich abends ebenfalls eine Entspannungszeit gönnen. Die einen kochen oder treiben Sport, anderen hilft es, zu meditieren oder Entspannungs- oder Atemübungen zu machen. In Hausarbeits- und Klausurenphasen sollte man diese Dinge, so gut es geht, beibehalten. Außerdem empfehle ich, sich direkt vor dem Schlafengehen nicht mehr mit seinem Studium zu beschäftigen, damit man die Themen nicht mit in den Schlaf nimmt.

"In der Schule war ich viel besser"

Viele Studienanfänger haben nie gelernt, wie man richtig lernt. Als Schüler haben sie sich ein oder zwei Tage vor der Klassenarbeit hingesetzt und trotzdem ein passables Ergebnis erzielt. Im ersten oder zweiten Semester stellen sie dann fest, dass diese Strategie im Studium nicht funktioniert. Da schneidet man plötzlich schlecht ab oder fällt sogar durch Prüfungen durch, wenn man sich nur kurzfristig vorbereitet hat. Vielen wird durch solche Misserfolge bewusst, dass sie sich früher und besser vorbereiten müssen. Um das Lernen zu lernen, kann man sich an Mitstudierende wenden, die gut zurechtkommen, oder Kommilitonen aus höheren Semestern fragen, wie sie sich den Stoff aneignen. An vielen Unis gibt es auch Kurse, bei denen man herausfindet, welcher Lerntyp man ist, und erfährt, wie man Lernpläne erstellt, welche Lerntechniken es gibt und wie man sich seine Arbeit sinnvoller einteilen kann.