Die Studienberaterin Elisabeth Kummert über den Schlüssel zu einer guten Entscheidung

ZEIT Campus: Wenn man sich für ein Studium entscheiden soll, kommt man oft aus dem Grübeln nicht mehr raus. Was kann man dagegen tun?

Elisabeth Kummert: Grübeln ist doch nicht schlimm! Entscheiden ist ein Prozess, der Zeit braucht. Das geht nicht ohne Nachdenken.

ZEIT Campus: Warum fühlt man sich dann dabei oft so mies?

Kummert: Bis zum Abitur ist das Leben recht strukturiert. Abiturienten sind also keine geübten Entscheider. Nun stellen sie die Weichen, oft das erste Mal in ihrem Leben. Das ist zunächst mal eine Riesenchance. Aber es kann eben auch Ängste auslösen, besonders wenn jemand mit falschen Erwartungen an die Studienwahl herangeht.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?

Kummert: Viele denken, dass es den einen, exakt zu ihnen passenden Studiengang gibt, den sie unbedingt finden müssen. Das ist ein Märchen. Andere glauben, die Studienwahl sei unabänderlich und entscheide darüber, ob ihr Leben gelingt. Auch das ist Quatsch. Außerdem hat Fehler machen in Deutschland einen schlechten Ruf. Das verstärkt den Druck noch zusätzlich.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Studienführer 2018/19.

ZEIT Campus: Bei einer so wichtigen Entscheidung ist es doch klar, dass man alles richtig machen will.

Kummert: Natürlich sollte die Studienwahl wohlüberlegt sein. Doch ob ein Fach wirklich passt, zeigt allein das Ausprobieren. Das ist wie in der Liebe!

ZEIT Campus: Und wenn es sich nicht richtig anfühlt?

Kummert: Dann sollte man das nicht als Versagen betrachten. Es ist in Ordnung, wenn man nach einem Jahr eine andere Richtung einschlägt. Oft genügt auch ein bloßes Justieren. Vielleicht ist nicht der Studiengang "falsch", sondern die Uni, an der man studiert? Oder man entdeckt, dass einem das Nebenfach mehr Spaß macht als das Hauptfach.

ZEIT Campus: Was aber, wenn man sich gedanklich nur noch im Kreis dreht?

Kummert: Dann muss man einen Schnitt machen und vom Grübeln zum Handeln kommen. Es reicht nicht aus, immer nur Infos über Studiengänge zu sammeln. Man braucht einen Realitätscheck. Die trockenen Beschreibungen im Netz verraten zum Beispiel nichts darüber, welche Menschen dieses Fach an diesem Ort studieren. Ich rate Abiturienten: Setzen Sie sich in Vorlesungen, sprechen Sie mit den Studenten dort. Was sagt Ihr Bauchgefühl, fühlen Sie sich dort wohl?

ZEIT Campus: Viele Hochschulen haben Orientierungsseminare. Sie bieten das auch an. Was passiert da?

Kummert: Wir helfen den Teilnehmern, sich über ihre Werte, Wünsche und Fähigkeiten klarer zu werden. Bei einer der Übungen verteile ich zum Beispiel eine Liste mit Werten wie Unabhängigkeit, Offenheit, Erfolg, Loyalität. Dann kreuzt man an, welche Werte momentan – nicht in der Zukunft! – für einen selbst bedeutsam sind. Erst zwanzig, dann nur noch zehn, am Ende bleiben drei. Es folgt ein Gegencheck: Lebe ich diese Werte? Falls nicht, leide ich darunter? Leide ich nicht darunter, sind es dann vielleicht nicht wirklich meine Werte?

ZEIT Campus: Das klingt ziemlich abstrakt.

Kummert: Es wird aber schnell konkret. Nehmen wir Unabhängigkeit: Will ich so unabhängig sein wie mein Bruder? Oder finde ich sein Leben toll, mir selbst aber bedeutet Freundschaft mehr? Oder Loyalität: Habe ich ein Fach vielleicht nur deshalb im Kopf, weil ich meine Eltern nicht enttäuschen möchte? Bei einer anderen Übung fragen die Teilnehmer sich, in was sie gern viel Zeit investieren. Das kann die Planung einer Überraschungsparty für die beste Freundin sein oder dass man sich jeden Abend eine Gutenachtgeschichte für den kleinen Bruder ausdenkt. So gräbt man eigene Interessen und Fähigkeiten aus.

ZEIT Campus: Und daraus folgt der passende Studiengang?

Kummert: Nein. Diese Erwartung nehme ich den Teilnehmern schon bei der Begrüßung. Orientierungsseminare servieren kein Studienfach auf dem Silbertablett.

ZEIT Campus: Was bringen sie stattdessen?

Kummert: Sehr viel. Man lernt, auf die richtigen Dinge zu achten. Wenn ein Teilnehmer überlegt, ob ein Fach zu ihm passt, hat er dafür nach dem Seminar einen individuellen Maßstab. Der schützt auch vor übereilten Schlüssen nach dem Motto: Ich habe gute Noten, also studiere ich Medizin. Oder davor, die Erwartungen anderer, etwa Eltern, Lehrer oder Freunde, mit den eigenen Wünschen zu verwechseln. Bei uns lernen die Teilnehmer, auf sich selbst zu hören. Das ist der wichtigste Schritt für eine gute Entscheidung.