Monika Grütters, Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, redet mit ZEIT Germany über die Geschichte des Landes, ihre eigene Sentimentalität und warum Berlin das neue New York ist.

ZEIT Germany

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ZEIT Germany: Frau Grütters, wir stehen auf der Terrasse Ihres Büros im Bundeskanzleramt, man blickt von hier aus über ganz Berlin. Wenn ein Studierender erstmals nach Deutschland kommt – wie erklären Sie ihm oder ihr dieses Land?

Monika Grütters: Deutschland lässt sich erklären mit drei Kuppeln, die wir von hier aus sehen. Direkt gegenüber: der Reichstag, eines der meistbesuchten Parlamente der Welt mit dreieinhalb Millionen Besuchern im Jahr; das liegt an der Kuppel, die Sir Norman Foster auf das altehrwürdige Gebäude gesetzt hat, durch sie wird dort alles transparent und einnehmend.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters © Patrick Desbrosses

Dahinter sehen Sie die nächste Kuppel, das ist das Humboldt Forum, das wir demnächst eröffnen werden. Wir mussten den zentralen Platz der Republik im 21. Jahrhundert neu definieren – und wir werden dort nicht etwa unsere eigene Kultur feiern, sondern die außer-europäischen Kulturen. Die dritte, goldene Kuppel ist die Synagoge an der Oranienburger Straße, die für die Religion steht. An diesen drei Kuppeln erklären sich Politik, Kultur und Religion in der wechselvollen deutschen Geschichte.

ZEIT Germany: Welche Dinge sollte dieser Studierende unbedingt sehen oder erleben?

Grütters: Um zu verstehen, wer die Deutschen sind, sollte man in der Tat erst einmal nach Berlin kommen: Das Brandenburger Tor steht für die Teilung der Welt, aber auch für die wiedergewonnene Freiheit. Es steht also für unsere Geschichte mit zwei Diktaturen in einem Jahrhundert und den Umgang damit. Die zweite Dimension ist die Kulturnation: die Theater, die Opernhäuser...

ZEIT Germany: ...also von Berlin gleich weiter nach Bayreuth – und dort in die Oper und Richard Wagner hören?

Grütters: Nein. Das Bayreuther Festival hat sicher Weltgeltung. Man könnte aber auch nach Detmold ins Opernhaus gehen, das Wagners Walküre neben anderen Werken auch spielt. Es gibt so viele beglückende Momente in der Kultur in diesem Land: etwa wenn man in eine der 5000 inhabergeführten Buchhandlungen geht. Wir haben in Deutschland ein dichtes Netz geistiger Tankstellen, bestehend aus 6800 Museen, aus 360 staatlich und privat geförderten Theaterbühnen. Das ist historisch gewachsen und einmalig auf der Welt. Deutschland besitzt einen einzigartigen Schatz von Opernhäusern und Profi-Orchestern. Darin manifestiert sich das, was wir "Kulturnation" nennen.

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ZEIT Germany: Also hätten wir Berlin und die Geschichte. Wir hätten die Kulturnation und die "geistigen Tankstellen". Was noch?

Grütters: Made in Germany. Die Verlässlichkeit und die Qualität deutscher Produkte sind weltbekannt; die Stärke, die daraus erwächst, die Tugenden wie Fleiß und Zuverlässigkeit, die damit verbunden sind, man sieht das etwa an den vielen Mittelständlern und Familienunternehmen hierzulande. Und dann: der Wald. Der steht für die deutsche Seele. Die Naturverbundenheit, die Sehnsucht, das romantische Prinzip: All das verdichtet sich dort. So sind wir auf der einen Seite Intellektuelle und Vernunftmenschen, auf der anderen Seite wohnt dem deutschen Wesen dieses Sehnsuchtselement inne, etwas zutiefst Sentimentales.

ZEIT Germany: Zuverlässig, aber auch sehnsüchtig – würden Sie persönlich sich auch so beschreiben?

Grütters: Ich mich persönlich? Na ja: Ich bin Steinbock – und sehe mich als geradezu prototypisch für dieses Sternzeichen: zuverlässig, gründlich und fleißig. Aber ich empfinde auch jeden Tag dieses Sentimentale: Das beginnt schon morgens beim Aufstehen, wenn ich mich freue, dass ich die Vögel höre, und es mich ins Freie zieht. Ich schwärme für das, was uns die Künste bescheren: Ich kann geradezu ehrfürchtig ein Buch lesen. Oder ich werde ganz entrückt, wenn die Musik mich ergreift. Mein Vater hat einmal eine Beobachtung an mir gemacht; er ist mit mir ins Konzert gegangen und hat bemerkt: "Das ist der einzige Moment, in dem du aufhörst, nebenbei irgendetwas anderes zu tun."

ZEIT Germany: Gegen diese Selbstbeschreibungen als zuverlässig und sentimental zugleich stehen die vielen Vorurteile, die im Ausland über Deutsche herrschen. Welches Vorurteil ärgert Sie besonders?

Grütters: Das Vorurteil, wir wären humorlos, zum Beispiel. Das stimmt ja nicht. Oder das Vorurteil, wir könnten nicht entspannt sein. Ich ärgere mich aber auch über das Vorurteil vom "hässlichen Deutschen" oder gar die Vorstellung, alle Deutschen wären so.

ZEIT Germany: Und wie versuchen Sie, diese Vorurteile zu kontern?

Grütters: Am besten widerlegt man Vorurteile, wenn man in der Welt eine gewisse Offenheit zeigt, nach dem Motto: "Ich bin hier, weil ich mich für euch interessiere." Es gilt also, das Eigene fröhlich anzuerkennen und sich mit größtmöglicher Neugier anderen Kulturen zu widmen. Das passt zu mir – sonst wäre ich auch nicht Kulturstaatsministerin.

ZEIT Germany: Wie würden Sie jungen Ausländern die "Kulturnation Deutschland" näher erklären?

Grütters: Dass wir ein so dichtes Netz an Kultureinrichtungen haben, hat mit unserer Geschichte zu tun: Das deutsche Territorium war über Jahrhunderte in viele Kleinstaaten zersplittert. Dort haben Fürsten sich nicht nur einen Wettbewerb um militärische Stärke geliefert, sondern auch in Wissenschaft und Kultur gewetteifert. Und es waren Geistesgrößen, die Anfang des 19. Jahrhunderts zuerst die Einheit der Nation formulierten. Georg Herwegh, die Brüder Grimm, der große Heinrich Heine oder auch Georg Büchner beschrieben diese Einheit der deutschen Nation im Geiste. Das war oft hart, weil einige deswegen regelrecht verfolgt wurden. Doch es ist die Kultur, die nationale Identität stiftet: die Sprache – das Deutsche ist übrigens sehr wortreich, eine echte Literatursprache –, das Schrifttum, die Musik, die Traditionen.

ZEIT Germany: Gilt das nicht für jede Nation?

Grütters: Ja, natürlich! In Deutschland wissen wir aus bitterer Erfahrung übrigens auch, dass jede Diktatur, jedes autoritäre System damit beginnt, Intellektuelle, Kreative und Geistesgrößen mundtot zu machen. Wir haben daraus gelernt und uns eine Verfassung gegeben, in der bereits im fünften Artikel die Freiheit der Kunst garantiert wird. Angeblich hat die Kunstfreiheit in keiner anderen Verfassung auf der Welt einen so noblen Rang.