Schon den Aborigines waren die Kamele nicht geheuer. So ein Wesen hatten die australischen Ureinwohner noch nie gesehen, und wie diese Geschöpfe da in der Ferne in einer Reihe ein Tier nach dem anderen über die Bergketten trotteten – da sahen sie aus wie ein einziges riesiges ungeheuerliches Fabelwesen.

Jetzt wollen die Nachkommen der Kolonialisten, die das Wüstentier einst nach Australien importierten, dem Kamel an den Kragen: Das Amt für Klimaschutz und Energieeffizienz hat die Einführung von CO2-Zertifikaten für getötete Kamele vorgeschlagen. Die Behörde beruft sich in seinem Diskussionspapier auf einen Vorschlag des Beratungsunternehmens Northwest Carbon aus Adelaide, das von Hubschraubern aus insgesamt 1,2 Millionen Kamele abschießen will, die Australiens Hinterland unsicher machen. "Die Zertifikate könnten im In- und Ausland an Firmen verkauft werden, die Verschmutzungsrechte brauchen", meinte Staatssekretär Mark Dreyfus.

Noch aber bringen Australien-Touristen jede Menge Fotos mit nach Hause, auf denen sie sogar am Ayers Rock – der nach alter Aborigine-Bezeichnung wieder Uluru heißt – vor lauter Kamelen nicht zu sehen sind. Doch die Australier prüfen jetzt, Hunderttausende Paarhufer abschießen zu lassen, weil die Menge des Methangases, das jedes Tier pro Jahr ausstößt, etwa einer Tonne des Treibhausgases CO2 entspricht – etwa ein Sechstel dessen, was ein durchschnittliches Auto im Jahr emittiert.

Jetzt berät das Parlament, bis zum Jahresende soll eine Entscheidung fallen. Dass die Idee des Unternehmens in dem Diskussionspapier der Behörde auftaucht, bedeutet, dass die australische Regierung sie für bedenkenswert hält. "Wir sind eine Nation von Erfindern und reagieren mit innovativen Lösungen auf unsere Herausforderungen – die ist ein klassisches Beispiel", sagte der Geschäftsführer von Northwest Carbon, Tim Moore, der australischen Nachrichtenagentur AAP.

Die Regierung ist im Zugzwang: Der Kontinent hat wegen seiner mächtigen Bergwerkindustrie einen der weltweit höchsten Luftverschmutzungswert pro Kopf. Obgleich in vielen Landesteilen dauerhaft die Sonne scheint und Solarenergie in sinnvoller Weise zum Einsatz kommen könnte, wird der überwiegende Teil der Energie auf dem Kontinent mit Kohlekraftwerken erzeugt. Australien ist zudem Spitzenexporteur von Kohle – für Kraftwerke nach China. Das alles ergibt eine ziemlich erschütternde Bilanz, kritisieren Umweltschützer. Die Folgen sind bereits spürbar: In diesem Jahr übertrafen sich die Medien mit Analysen dazu, warum der Kontinent mit immer mehr Klimaextremen wie Überschwemmungen, Dürren, Zyklonen und Feuersbrünsten gestraft ist. Auf den Urlauberinseln halten schon Klimaexperten Vorträge über den Meerespegelanstieg wegen der Ozeanerwärmung. Alles zusammen ist zum Großteil eine Folge der globalen Erwärmung infolge des Treibhausgas-Ausstoßes.

Doch das CO2 kommt nicht nur aus den bei den zahlreichen deutschen Touristen beliebten Geländewagen für Outback-Touren, sondern eben auch aus Kamelmägen. Weil die Doppelhöcker Wiederkäuer sind, stoßen sie immer wieder diese Gase auf. Derzeit leben laut der Agentur AFP schätzungsweise auf dem gesamten Kontinent verteilt mehr als 1,2 Millionen wilde Kamele. Und alle knapp zehn Jahre verdoppelt sich die Population.