Brasilianer protestieren gegen die Privatisierung des Maracanã-Komplexes.

Weil die Fifa für Stadien mit einer Kapazität von 60.000 Zuschauern 10.000 Parkplätze verlangt, sollen auch alle auf dem Stadiongelände befindlichen Bauten weichen: ein Athletik- und ein Schwimmstadion, die Escola Arthur Friedenreich, eine der zehn besten öffentlichen Schulen des Landes, und das historische Museum des Indianers, das allerdings – nach heftigen Protesten – nun doch erhalten bleiben soll. Es wird ein "Olympiamuseum" beherbergen.

"So funktioniert Rio de Janeiro", sagt Gustavo Mehl. Der 30-Jährige schwenkt eine Fahne vor dem Palast der Landesregierung. Darauf heißt es: "O Maraca é nosso" – Das Maracanã ist unser. Mehl ist Stadtforscher und Sprecher des "Volkskomitees zu WM und Olympia", einer Allianz so gut wie aller Bürgerbewegungen der Stadt. Mit einem Dutzend Mitstreiter demonstriert er an diesem Morgen gegen die Privatisierung des Maracanã-Komplexes. Vergeblich.

Der Zuschlag ist wenige Minuten zuvor an ein Konsortium um Brasiliens Baukonzern Odebrecht gegangen. Auch Brasiliens reichster Mann, Eike Batista, ist an der Unternehmung beteiligt und so gut wie immer dabei, wenn in Rio öffentliche Orte privatisiert werden, weswegen sein Name zum Synonym für den Ausverkauf der Stadt geworden ist.

Bewährungsprobe Confederations Cup

Als Rios Regierung den Umbau des Maracanã-Stadions verkündete, versprach sie, diesen mit privatem Geld zu finanzieren. Dann aber flossen fast ausschließlich Steuergelder. Die anfänglich veranschlagten Kosten von 600 Millionen Reais verdoppelten sich auf 1,2 Milliarden Reais, was 460 Millionen Euro entspricht. "Und jetzt darf Eike Batista das Maracanã für 5,5 Millionen Reais Jahrespacht betreiben", sagt Gustavo Mehl. "Wir schenken ihm ein neues Stadion und legen mehrere hundert Millionen obendrauf."

Mehl war als Dreijähriger zum ersten Mal im Maracanã. "Jeder in Rio hat eine Geschichte, die ihn mit dem Stadion verbindet", sagt er. "Es gehörte dem Volk. Jetzt gehört es Eike."

Dann der Abend des Einweihungsspiels am vergangenen Sonntag. Martin Curi steht auf der Pressetribüne. Der deutsche Fußballsoziologe lehrt an der staatlichen Universität von Rio und hat das Buch Brasilien – Land des Fußballs veröffentlicht. Er ist überrascht, dass das Maracanã nicht ausverkauft ist, lediglich 57.000 zahlende Zuschauer sind gekommen, um Brasilien gegen England zu sehen. Es mag am zuletzt schwachen Auftreten der Seleção liegen. Oder an den hohen Eintrittspreisen. Diejenigen, die gekommen sind, werden von Fifa-Animateuren aufgefordert, Plastikbälle gegeneinander zu schlagen, aber während des Spiels ist es dann minutenlang still. "Bei Länderspielen ist das typisch", sagt Curi. "Da kommt ein Publikum mit Anspruch."

Das neue Stadion hält Curi für gelungen: "Man kommt schnell hinein, ist nah am Spielfeld. Alles ist heller, luftiger, leichter." Die Bewährungsprobe erlebe das neue Maracanã aber erst bei den Ligaspielen nach dem Confederations Cup, der an diesem Samstag startet.

Am Tag nach dem England-Match, das 2:2 endet, erscheint im Internetportal der Zeitung O Globo ein Leserkommentar: "Wenigstens hat das Gesocks aus den Favelas dank der Eintrittspreise keinen Zugang mehr zum Maracanã. Sonst wäre das Stadion schon kaputt. Optimal."

Francisco Moraes sagt: "Ich werde mich in mein neues Heim erst noch einleben müssen."