Seinen Bildungsurlaub bekam der Banker vom Vorstand mit Kusshand genehmigt. Auf eigene Faust hatte er die Veranstaltung "Bei der Kreditvergabe 'Nein' sagen - wie bringe ich es meinem Kunden bei?" aufgetan - ein Thema, dass an Brisanz ständig zunimmt. "Die Vorstände waren regelrecht angetan, dass es ein derartiges Bildungsangebot überhaupt gibt", sagt Jürgen Hesse, Karriereexperte und Gründer des Büros für Berufsstrategie Berlin.

Nicht immer klappt der Antrag auf Bildungsurlaub derart einfach. Manchmal führt der Weg auch vor das Gericht. "Allein in Nordrhein-Westfalen laufen derzeit etwa 1000 Verfahren", berichtet Fokus-Online. "In der Privatwirtschaft wagt kaum noch jemand einen Antrag zu stellen, geschweige denn sein Recht vor Gericht durchzukämpfen", klagt Hans Gottlob Rühle, Direktor des Marburger Arbeitsgerichts, gegenüber dem Online-Magazin.

Der Grund für die ablehnende Haltung gegenüber dem Bildungsurlaub: Viele Vorgesetzte, aber auch Kollegen, denken dabei an den häufig zitierten Töpferurlaub in der Toskana - "vor allem in kleineren Firmen, mit 50 bis 200 Mitarbeitern, wo der Chef noch alles selbst in die Hand nimmt", sagt Hesse.

Die meisten Arbeitnehmer verzichten deshalb lieber freiwillig auf ihr, per Bundesland gesetzlich geregeltes, Recht auf Bildungsurlaub - also auf bezahlte Freistellung für berufliche oder politische Weiterbildung. Laut Rheinische Post Online nehmen nach Angaben des Bundesarbeitskreises Arbeit und Leben nur 1,5 Prozent der Berechtigten an Veranstaltungen teil.

Fünf Tage im Jahr hat in der Regel jeder Arbeitnehmer Anspruch auf Bildungsurlaub. Insgesamt lassen deutsche Arbeitnehmer rund 100 Millionen Tage jährlich verfallen, belegt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institutes beim DGB. "Angesichts der schlechten Konjunktur trauen sich viele Beschäftigte nicht ihren Bildungsurlaubsanspruch zu realisieren, aus Angst um ihren Arbeitsplatz", sagt auch Klaus Schepe, Amtsrat in der Behörde für Bildung und Sport der Stadt Hamburg.

Dabei sind sich die Experten über die Bedeutung der individuellen Weiterbildung einig: "Wer sich weiterbildet hat generell bessere Karten, egal ob er sich neu bewirbt oder ob er sich im eigenen Unternehmen behaupten will", sagt Experte Hesse und rät: "Trauen Sie sich ruhig, ihren Vorgesetzten nach Bildungsurlaub zu fragen, wenn Sie der Meinung sind, das es eine sinnvolle Sache ist. Wenn Sie sich jede Konfrontation verkneifen, von der Weiterbildung über die Gehaltsverhandlung bis hin zum Arbeitszeugnis, um bloß nicht aufzufallen, verlieren Sie auf Dauer an Wert."

Generell sind die Chefs durchaus wohlwollend, wenn der Bildungsurlaub beruflich förderlich ist: "Überzeugen sie Ihren Arbeitgeber, dass ihre Teilnahme nicht nur ihnen weiter hilft, sondern auch für das Unternehmen von Vorteil ist", rät deshalb Schepe. Schon heute spielt in Hamburg die berufliche Weiterbildung eine bedeutend größere Rolle als die allgemeine, politische oder kulturelle. So ist zwar das Verhältnis der anerkannten Kurse zwischen beruflicher und politischer Weiterbildung in Hamburg mit 60 zu 40 Prozent relativ ausgeglichen. "Die Interessenten nehmen aber mit einer deutlichen Mehrheit an Veranstaltungen teil, die unmittelbar für ihren Job nützlich sind", sagt Schepe.

Die Entwicklung in der Weiterbildungsbranche insgesamt spiegelt diesen Trend wieder. Die Zahl der 19- bis 64-Jährigen, die an Kursen und Lehrgängen, teilweise von den Unternehmen gesponsert, teilnahmen, sank auf 26 Prozent, 1997 waren es noch 31 Prozent. Das belegt der neueste Bericht zur Weiterbildung, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vergangenen Mai in Berlin vorlegte. Relativ stabil blieb dagegen die Zahl der Teilnehmer, die sich für den Job weiterqualifizieren wollten. 29 Prozent nahmen an einer beruflichen Weiterbildung teil, vor fünf Jahren waren es 30 Prozent.