Wenn Sie diese Zeilen lesen, gehören Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu jenen, die das Weihnachtsfest auf klassische Weise begehen. Dann säßen Sie jetzt nämlich in der Kirche, unterm Weihnachtsbaum oder über den Gänsebraten gebeugt anstatt vor dem Bildschirm.

Warum feiern Sie also nicht? Verweigern Sie sich dem kollektiven Feierzwang oder nehmen Sie sich gerade nur kurz eine Auszeit von ihrer anstrengenden Familie? Oder pflegen Sie Weihnachtsrituale, die nichts mit der herkömmlichen Vorstellung von einem ordentlichen Christfest zu tun haben? Dann erzählen Sie uns davon hier im Kommentarbereich. Auch wenn Ihre Weihnachtserlebnisse der anderen Art schon etwas zurückliegen. Unsere Redakteurin Tina Groll macht den Anfang und schildert ihre Erinnerungen an einen speziellen Heiligabend:

Weihnachten mit Obdachlosen

Vor einigen Jahren habe ich an Weihnachten zwei junge Obdachlose zu mir eingeladen, die vor meinem Lieblingscafé bettelten. Weil es mir aber etwas unheimlich war, lud ich sicherheitshalber noch eine gute Freundin dazu ein und schloss mein Laptop, den einzigen teuren Gegenstand in meiner Einzimmerwohnung, auf dem Dachboden ein. Wir kauften einen Baum im Topf, einen Sechserpack Bier und als Geschenke für die beiden Männer Deo und Socken. Nicht sehr einfallsreich, ich weiß. Dann kochten wir indisches Curry.

Punkt 18 Uhr standen die beiden Männer vor meiner Tür. Sie hatten sich bei Minustemperaturen noch extra frisch im Fluss gewaschen, erzählten sie uns. Denn die Unterkünfte für Obdachlose lehnten sie ab. Lieber wollten sie frei sein. Der eine überreichte mir einen selbstgezeichneten Comic. Der andere schenkte mir ein Fahrradlicht. Unverpackt. Nur das Vorderlicht, ohne Halterung. Beim Anblick des Baumes und der Geschenke darunter fingen die Männer an zu weinen.

In der Heiligen Nacht zurück auf die Straße

Und dann wurde es ein richtig schöner Abend: Wir aßen zusammen, die Gäste spielten Rocksongs auf der Gitarre und erzählten uns ihre Geschichten. Von zerrütteten Familien, zerbrochener Jugend, dem Leben auf der Straße und ihrer Drogensucht. Später am Abend begann es zu schneien. Einer der Männer schlief in meinem Sessel ein – und ich geriet in einen Zwiespalt. Sollte ich die Jungs wirklich in der Heiligen Nacht zurück auf die Straße schicken? Aber ich konnte sie doch nicht in meiner kleinen Wohnung behalten. Was, wenn sie im betrunkenen Zustand irgendwie gefährlich würden?

Meine Sorgen waren völlig unbegründet. Kurz nach 22 Uhr verabschiedeten sie sich. "Das war das schönste Weihnachtsfest in meinem ganzen Leben. Echt!", sagte einer der Männer zum Abschied. Ich weiß noch, dass ich mich danach für meine Vorbehalte geschämt habe. Nur wenige Tage später verließen die beiden die Stadt. Ich habe sie nie wieder gesehen.