Bislang gab es nur Vermutungen darüber, woher der Brauch rührt, den Monat April mit Scherzen einzuläuten. Nun hat ein Forscherteam um Walter Broermeyer, Professor für Ethnologie an der Universität Regensburg, eine plausible Erklärung für das rituelle Scherzen am ersten April gefunden.

Eher zufällig stießen Professor Broermeyer und seine Mitarbeiter im Rahmen des Forschungsprojektes "Castra Regina scire!" (lat. "Lerne Regensburg kennen!") auf die Schriften des römischen Geschichtsschreibers Quintus Suggestus. Dieser berichtete zum Ende des 2. Jh. n. Chr. in seinen Protokollen vom germanischen Stamm der Narister, der einen eigenwilligen Umgang mit Wahrheit und Lüge pflegte. Ein besonders interessanter Brauch der Narister war es etwa, Tagediebe, Lügner und kleinere Gauner ihrerseits mit Lügen zu bestrafen. Fiel ein Narister in Ungnade der Dorfgemeinschaft, war jeder Stammesangehörige angehalten, auf keine seiner Fragen mit der Wahrheit zu antworten.

Wie Ausgrabungen belegen, haben die Narister zu Lebzeiten des Quintus Suggestus die Stadt Regensburg überfallen, die damals noch als militärischer Stützpunkt der römischen Truppen diente. Bei der Schlacht von Wolfsegg wurden die Narister jedoch vernichtend geschlagen. Rund 3.000 Angehörige des Stammes liefen in die Reihen der Römer über und siedelten sich in der Folgezeit friedlich um Regensburg herum an – Gelegenheit für römische Gelehrte, Feldstudien über das Sozialverhalten der Narister anzustellen. Obwohl die Studien vor allem militärisch verwertbare Erkenntnisse liefern sollten, hinterließen Autoren wie Suggestus oder Cassius Dio Dokumente von Wert für die heutige Geschichtsforschung und Völkerkunde.

Aus den Aufzeichnungen des Suggestus geht hervor, dass sich die römischen Bürger Regensburgs den von den Naristern gepflegten Brauch der Lügenstrafe zunutze machten. Sie gingen dazu über, die Narister am Jahrestag ihrer Kapitulation mit Spott und Hohn an ihre Niederlage zu erinnern. Das Datum des Jahrestags war der erste April.

Während der Irrungen und Wirrungen der Völkerwanderung im 5. Jh. n. Chr. verlor der erste April seine Symbolkraft als Tag des Sieges. Übrig blieb aber die Freude der Regensburger daran, ihre Mitmenschen in scherzhafter Absicht hinters Licht zu führen. Mit dem Aufstieg Regensburgs zur Handelsstadt in den folgenden Jahrhunderten machten sich auch die Bürger anderer Städte dieses Brauchtum zu Eigen. Ihr Antrieb dabei war wohl die allzu menschliche Freude, Schelmereien und kleine Tabubrüche begehen zu dürfen, ohne mit Verachtung gestraft zu werden. Vor diesem Hintergrund wird auch die Bemerkung eines Ethnologen aus Boermeyers Team verständlich: "Die Narister haben der Welt wohl mehr Freude bereitet, als ihrem Stamm selber je vergönnt war."