Es ist Juli 1991. Nach einem Jahr mehr oder weniger konzentrierten Arbeitens habe ich vollendet, was meine Diplomarbeit im Studiengang Industrial Design sein soll: einen kleinen, leichten Zweisitzer, im Grunde ein Kabinenroller in cool. Heute weiß ich, dass ich mit dem Projekt ganz nebenbei einige wesentliche Elemente des 1998 präsentierten Smart vorweggenommen habe. Für die Diplomarbeit gibt es ein "sehr gut", doch für einen Einstieg in die Welt des Automobildesigns ist mein 23-jähriges Selbst zu zart und schüchtern.

Nur wenige Monate später mache ich eine kleine Kugelschreiberskizze zum selben Thema, allerdings mit einem völlig anderen konstruktiven und formalen Ansatz. Erst als sie fertig vor mir liegt, wird mir klar, dass das die richtige Lösung für die Aufgabenstellung gewesen wäre. Nun ja, zu spät.

Aber die neue Idee lässt mich nicht in Ruhe. In den Folgejahren entstehen drei verschiedene Varianten des Konzeptes, als Zwei- und Dreisitzer, mit einer zunehmend geometrischen, auf die Anforderungen der Herstellbarkeit immer besser abgestimmten Form. Ich lege die Entwürfe in die Schublade und widme mich meinem Job in einem kleinen Regensburger Designbüro. Das Thema Autodesign wird endgültig zum Hobby, Erwartungen habe ich keine mehr. 

Dann, 2004, entscheide ich mich, an einem Designwettbewerb teilzunehmen, den ein großer französischer Autohersteller ausgeschrieben hat. Mein Konzept ist auf einmal wieder präsent. Ich arbeite es gründlich durch. Mittlerweile ist es nötig geworden, die erste Skizze von 1992 zu suchen und als Referenz auf den Zeichentisch zu legen (ich arbeitete da noch ohne Computer). Mit Rücksicht auf den Wettbewerb sehe ich einen Verbrennungsmotor vor und lege das Ganze recht sportlich aus. Ich gewinne nicht und beschließe, das Thema endgültig im Archiv für Knabenblütenträume abzulegen.

Aber mein Unterbewusstsein arbeitet weiter. An einem schönen Augusttag tritt während einer in der Sonne eingenommenen Zwischenmahlzeit ein vollständiger Neuentwurf vor mein inneres Auge. Der Entwurf basiert auf derselben Grundidee, geht aber in eine ganz andere Richtung. "Mach' es schmal, mach' es hoch, und mach' es elektrisch", sagt die innere Stimme. Ich beginne wieder zu zeichnen, dann setze ich mich an den Rechner und konstruiere ein Modell. Jetzt geht die Post richtig ab, und ein Jahr später liegt, mit etwas Hilfe von Freunden, sogar ein fragmentarischer Businessplan für ein kleines, zweisitziges Elektrofahrzeug vor, das in einer Manufaktur in Kleinserie gebaut werden kann. Anders als die vielen ähnlichen Entwürfe, die es mittlerweile gibt, ließe sich meiner mit minimalen Anfangskosten verwirklichen, weil keine großen Formwerkzeuge gebaut werden müssten.

Schließlich finde ich sogar einen Industriepartner, Tochter eines renommierten Auto-Zulieferers, der sich für mein Projekt interessiert und spontan ein maßstäbliches Modell bauen lässt. Das Unternehmen führt aerodynamische und fahrdynamische Simulationen durch, auf deren Basis ich das Datenmodell weiter überarbeite. Es gibt einen kleinen Messeauftritt und etwas Presse. Doch dann tritt wieder Ruhe ein. Einige Monate später wird das Unternehmen umstrukturiert und meine Fürsprecher verlassen es. Wieder ist die Blase geplatzt. Macht nichts. Ich habe einen Job, ich habe ein Leben und ich habe kein Geld übrig – warum also dieses verrückte Projekt weiter verfolgen?

Eineinhalb Jahre später lese ich von Gerüchten, dass ein anderer französischer Hersteller genau so ein Fahrzeug auf den Markt bringen will. Ich sehe die ersten Fotos des Renault Twizy und erkenne darin die August-Vision wieder, die ich einige Jahre zuvor hatte. Meine konkrete Umsetzung war zwar anders, aber meine Idee gleicht dem Bild des Twizy sehr. Es ist schön, wenn man auf diese Weise Recht bekommt, aber es ist auch ein bisschen frustrierend. Nun, denke ich, kann ich das Projekt wirklich beerdigen. Ich überlege sogar, eine kleine Zeremonie zu veranstalten, um das Ding endlich loszuwerden.

Im Herbst 2012 schafft mein Arbeitgeber, auch auf mein Betreiben hin, eine kleine Flotte von fünf Twizys an. Das Fahrgefühl entspricht ziemlich genau dem, was ich mir vorgestellt hatte. Und doch: Manchmal denke ich, mein Projekt verdiente es, weiter verfolgt zu werden. Man könnte das Fahrzeug hochwertiger machen, im Design edler, mit schönen Materialien, Seitenscheiben und einer Sitzheizung.

Vielleicht muss ich demnächst die alten Daten mal wieder ausgraben und ein bisschen weiterkonstruieren. Und wenn ich richtig gut bin, baue ich eines Tages doch noch einen fahrfähigen Prototypen. Mal sehen.

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