Wir wollten von unseren Lesern wissen: Was ist für Sie Genuss? Ein paar der Antworten waren ganz einfach: Genuss ist das selbstgekochte Abendessen mit Freunden, die wohlige Erschöpfung nach dem Sport, und ja, auch das Rauchen einer Zigarette. Die meisten Rückmeldungen gerieten aber abstrakter. Es sind Versuche, den Wirkmechanismen des Genießens auf die Spur zu kommen, und sie offenbaren Widersprüche. Wahrer Genuss ist gedankenlos, geschieht bewusst, ist ohne Reue, hat Folgen, ist kontrolliert, spontan, ausschweifend, reduziert – die folgende Auswahl von Rückmeldungen zeigt, dass der Versuch einer kollektiven Definition von Genuss als gescheitert betrachtet werden kann. Aber die Lektüre ist hoffentlich trotzdem ein Genuss.

Genuss ist alles, was man aus eigenem Antrieb tut, obwohl es "zu nichts gut" ist. Nach der betriebswirtschaftlichen Gewinnmaximierungslogik, die auch der in Mode befindlichen Selbstoptimierung zugrunde liegt, ist Genuss damit von vornherein abzulehnen. Man sollte ausschließlich essen und trinken, um sich die nötige Energie – und bloß keine Kalorie darüber hinaus – zu verschaffen, um sich dauerhaft die maximale Arbeitskraft zu erhalten. […] Wer auf die zeitgeistige Selbstoptimierungslogik hereingefallen ist, für den ist es natürlich eine Provokation, wenn andere sich immer noch gönnen, worauf er selbst, und auf manches davon ungern, verzichtet.
Kommentar von xila

Allem voran ist Genuss etwas Privates, Intimes. Er hängt immer mit Verzicht oder Verbot zusammen. Genuss kann erlebt werden, durch eine bestimmte Handlung oder den Konsum eines bestimmten Produktes oder aber im Gegenteil durch den bewussten Verzicht auf diese Handlungen/Produkte. Doch selbst, wenn der Genuss durch die Ausführung der Handlung/den Konsum erlebt wird, gibt es eine Grenze (einen Schwellenwert? Normalverteilungskurve?), bis zu der Genuss erlebt bzw. vermehrt oder gesteigert werden kann. Nur durch den Verzicht auf das Genussmittel kann die Lust am Genuss langfristig aufrechterhalten werden.
Na Zia, über Facebook

Genuss ist, wenn man eben nicht über Folgen nachdenkt.
David Fu, über Facebook

Genuss ist für mich Freiheit. Davon lasse ich mich auch nicht von Horrorbildchen abschrecken. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und sollte wissen, was er tut. Nur viele wissen es eben nicht …
Markus Luckystar Heinzlmeir, über Facebook

Freiheit ist mein Genuss! Denn ohne Freiheit kann ich nicht genießen. Ohne Freiheit bin ich ein Überwachter, der bei allem, was er tut, an den Überwacher denken muss. Doch ich will nicht an den Überwacher denken. Ich will die Freiheit besitzen, selbst entscheiden zu dürfen, was mir Genuss bereiten darf und kann.
Kommentar von Nordlicht_1

Genuss ist eine Lebenseinstellung, die jeden Bereich durchdringt. Ich versuche, mein Leben mit jeder verdammten Faser zu genießen und freue mich, wenn es mir mit jedem Jahr Training besser gelingt, mich nicht mehr vom Zeitgeist von einer Schuld in die nächste Komplex-Reue treiben zu lassen. Mein bester Freund hat einen steintrockenen Sinn für Humor, was ein wahrer Genuss ist. Die erste Tasse Kaffee morgens ist immer wieder ein Genuss und in der Küche stehen und kochen und Lesen und Filme und Sonne und Reisen und Schlafen und Freunde und Liebe und Sex und der richtige Job und Erfolg und Spaghetti und Schmusekissen und überhaupt – ich habe mal irgendwo gehört (leider kann ich den klugen Zitierten nur unbekannt lobpreisen): Wir sitzen alle in einem Zug, der unaufhaltsam Richtung Friedhof fährt. Und bis dahin sollten wir uns die Fahrt so angenehm wie möglich machen. Ich gehöre auf jeden Fall zu den Genussmenschen, denen man ihre Einstellung ansieht, und in diesem Zug, da rauche ich an der offenen Tür auf dem Gang, um nicht zu nerven, aber ich habe auch die Tasche voll mit Keksen, Schampus, Schnittchen und Grinsen – bis wir unser Ziel erreichen, ist noch Zeit für die eine oder andere Sünde mit Genuss. Moment, Sünde? Ok, aber nicht die spaßbefreite Version "Heute noch ein drittes Gummibärchen", sondern die mit Wumms. Das ist für mich Genuss.
Kommentar von kleine kriegerin