Eine gemeinsame Studie zum Einfluss von Leserkommentaren auf die Medienberichterstattung stellten kürzlich das Journalistenportal newsroom.de und das PR-Agenturnetz ECCO vor. Es handelt sich um die Wiederholung einer Studie von 2011, was Aufschlüsse über die Entwicklung des Themas ermöglicht.

Auch wenn wir die Studie bei nur 328 befragten Redakteuren aus deutschen Print- und Onlineredaktionen nicht für repräsentativ halten, ermöglicht sie uns doch einen Abgleich mit unseren Beobachtungen aus der eigenen Praxis. Die vollständige Studie können Sie hier anfordern, im Folgenden konzentrieren wir uns auf die für uns relevanten Punkte.

Vorausgeschickt: Kommentarfunktionen zählen mittlerweile zum Standardangebot der Onlinemedien. Der Studie zufolge werden in 59,1 Prozent der Redaktionen Leserkommentare regelmäßig besprochen, und der Einschätzung von 58,9 Prozent der Befragten nach haben Leserkommentare zumindest teilweise Einfluss auf die weitere Berichterstattung. Sie sind also ein präsenter und selbstverständlicher Bestandteil der Medien.

Ambivalentes Verhältnis zu Leserkommentaren

Fragen wirft der Vergleich folgender Einschätzung auf: Noch 2011 teilten 84,3 Prozent der Befragten voll oder teilweise die Einschätzung, Leserkommentare stellten eine sinnvolle Erweiterung der Berichterstattung dar. 2014 sind es nur noch 43.8 Prozent. Dafür ist der Anteil der Befragten, die keine Einschätzung abgeben konnten, eklatant gestiegen, nämlich von 0 auf 43.8 Prozent.

Wie ist diese Veränderung zu erklären? Ist mit der zunehmenden Präsenz der Leserschaft auch das Konfliktpotenzial zwischen Lesern und Redaktionen gestiegen und damit der Unwille von Redakteuren, sich mit ihren Kritikern auseinanderzusetzen? Oder lässt sich das Phänomen auch positiv deuten: Setzen sich zwar weniger Redakteure als früher mit dem Leserdialog auseinander, dafür aber informierter und konkreter? Dafür spricht der stetige Ausbau von Community- und Social-Media-Bereichen in Onlineredaktionen.

Und dann gibt es einen Punkt in der Studie, den wir entschieden infrage stellen: Noch 2011 charakterisierten 68,2 Prozent der Befragten den Ton der Debatten als sachlich, 2014 sind es nur noch 59 Prozent. Gleichzeitig wird der Ton zunehmend als polemisch bezeichnet, nämlich von 16,9 Prozent anstatt 10,8 Prozent.

Hat sich die Kommentarkultur verschlechtert?

Ist der Debattenton wirklich weniger sachlich und dafür polemischer geworden? Wir finden, nein. Wir nehmen aber sehr wohl wahr, dass dieser Eindruck von den Medien selbst verbreitet wird. Über Schlagzeilen wie Die Mühe der Medien mit der Kommentar-Kultur oder Der digitale Hass ärgern wir uns – umso mehr, als wir selbst in den so betitelten Meldungen mit Aussagen darüber zitiert werden, welchen Wert wir unserer Community beimessen und mit welchen Mitteln wir uns um die Gewährleistung eines konstruktiven Debattenumfeldes bemühen.

Aber vielleicht ist unser Eindruck falsch und getrübt von unserem eigenen Wunschdenken. Deshalb würden wir ihn gern mit dem unserer aktiv kommentierenden Community-Mitglieder abgleichen. Beobachten Sie eine Verschlechterung der Kommentarkultur? Worauf stützt sich Ihre Beobachtung und können Sie Gründe dafür ausmachen? Gern können Sie auch konkrete Fragen an uns formulieren. In einer Live-Debatte am Montag, den 28. April zwischen 15 und 17 Uhr werden Mitglieder der Community-Redaktion dazu Stellung nehmen.

Update: Wegen einer Veranstaltung werden wir erst ab 16 Uhr auf Ihre Fragen eingehen.