Angststörungen betreffen mehr Menschen als ich je gedacht hätte und leider bin ich eine davon. Vor eineinhalb Jahren fing es an. Ich bekam Angst vor sozialen Situationen, Angst vor meiner Scham. Schon beim Verlassen meiner Wohnung schlug mein Herz plötzlich schneller, meine Hände wurden feucht und meine Harnblase fühlte sich an wie eine tickende Zeitbombe. Ich hatte das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Es waren also alle typischen Symptome einer sozialen Phobie vorhanden.

Ich studiere Medizin, der Stresspegel ist sehr hoch. Vor allem in der ersten Phase, der Vorklinik, hatte ich das Gefühl, in einem Willkürsystem zu stecken. Ich wusste oft nicht, wer mich wann prüfen würde, ja, ob ich überhaupt geprüft würde. Auch die Laune des Prüfers war ausschlaggebend für den Erfolg. Ich konnte mich nie daran gewöhnen. In meinem Kopf dominierte immer die Angst, zu versagen.

Als ich zum Hausarzt ging und meinen Zustand beschrieb, belächelte er mich. Ich sagte ihm, dass ich nicht an eine körperliche Ursache glauben würde, trotzdem schickte er mich zu einem Urologen. Heraus kam nichts. Ich hielt es nicht mehr aus und bat meinen Hausarzt um Sertralin, ein Antidepressivum, das auch gegen Angststörungen helfen soll. Er verschrieb es mir ohne zu zögern – und ohne mit mir über die möglichen Nebenwirkungen zu sprechen.   

Es war die Hölle. Ich wachte morgens auf und war für Stunden in einer nicht enden wollenden Panikattacke gefangen. Ich hatte das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Wieder ging ich zum Hausarzt. Zwischen Tür und Angel verschrieb er mir eine Psychotherapie. Mehr Zeit nahm er sich nicht.

Die Wartezeit für eine Psychotherapie wäre sechs Monate gewesen. Unmöglich. Mein Zustand wäre bis dahin chronisch geworden. Mein Lösungsansatz war, mich selber zu therapieren. So blöd und naiv es klingt, mir wurde immer bewusster, dass eine Therapie mir das schwierigste sowieso nicht abnehmen konnte: die Notwendigkeit, mich zu verändern. Meine Denkmuster, mein Verhalten.  

Konfrontation bestimmte von diesem Moment an mein Leben. Ich zwang mich zu jedem Seminar, zu jedem Treffen mit Freunden, zu jedem Kinobesuch. Ich versuchte die Angst als Herausforderung zu sehen und als Signal, wieder mehr auf meinen Körper zu achten. Mein vegetatives Nervensystem brachte ich durch Sport wieder halbwegs in Balance.

Es funktionierte. Auch wenn es sehr lang gedauert hat, bis ich mich wieder einigermaßen normal fühlte. Die Furcht vor einem erneuten Ausbruch ist zwar geblieben, aber auch das Wissen, dass ich etwas gegen meine Ängste tun kann.

Die Autorin schreibt unter Pseudonym. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.