Das Eiscafé Europa in Großostheim punktet mit zentraler Lage und zahlreichen Parkmöglichkeiten, das Eiscafé Europa in Detmold mit hochwertiger Bestuhlung. Das Eiscafé Europa II in Berlin-Tempelhof dagegen schwächelt, zumindest einer Bewertung auf yelp.de zufolge: "Damals hat das Bananeneis noch nach echter Banane geschmeckt". Damals bezieht sich auf das Europa I, das Original-Europa. Ist das zweite Europa also schlechter als das erste? Das Beispiel der Tempelhofer Eisdiele lässt sich nicht verallgemeinern: Die MS Europa etwa ist in ihrer mittlerweile sechsten Ausführung hochmodern und verhält sich zum Ur-Europa-Dampfer wie die EU zu Alteuropa.

 

Apropos Alteuropa: Die vorindustrielle, feudalistische Epoche scheint keinen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben, jedenfalls keinen guten – es findet sich kein einziges Etablissement mit diesem Namen. Anders verhält es sich mit dem (nicht zu verwechseln) alten Europa. In Deutschland scheint es nur ein einziges Altes Europa zu geben, aber in den USA zum Beispiel führen gleich mehrere Gaststätten den Namen Old Europe. Wobei zu beachten ist, dass es ein gutes und ein schlechtes old Europe gibt, jedenfalls für Amerikaner. Das schlechte besteht nach einer 2003 dem damaligen US-Außenminister Donald Rumsfeld zugeschriebenen Definition aus den europäischen US-Verbündeten der ersten Stunde, die sich mit ihrer kritischen Haltung zum Irak-Krieg als unflexibel erwiesen hatten. Das good old Europe dagegen meint das unbestimmte, aber wohlige Heimatgefühl, das US-Amerikaner beim Gedanken an die europäischen Wurzeln ihrer Urväter befällt, auch wenn sie Europa nie besucht haben.

Ein großer Name für große Dinge

Als die Hotellerie im ausgehenden 19. Jahrhundert den Trend zum Namen Europa begründete, gab es noch kein altes Europa, sondern nur ein neues, und das war gut. Die Grandhotels der Belle Epoque rühmten sich, Treffpunkt für Bildungsreisende und Kurgäste aus allen Ländern Europas zu sein, das sollte man am Namen erkennen. Innsbruck, Bad Gastein, St. Petersburg, bald gab es an jedem Kulminationspunkt der Haute-Volée ein Grand Hotel Europe. Noch heute versprechen traditionsbewusste Hotels (selbst wenn sie nicht wie allein in Deutschland rund 200 Hotels und Pensionen den Namen Europa tragen) ihren Gästen "ein Stück altes Europa" und entschuldigen damit, dass sie seit 100 Jahren nicht renoviert haben.

Es waren wohl eher die Anfänge der Europäischen Gemeinschaft als die Erinnerung an eine glanzvolle Epoche, welche die Deutschen in den sechziger Jahren zum Namen Europa greifen ließen. Europa war eine Verheißung, die für Aufbruch und Weite in Raum und Handeln stand. Ein großer Name für große Dinge, für Einkaufszentren, Schallplattenlabel, Versicherungen und Kreuzfahrtschiffe, aber eben auch für das Eiscafé, das eine Portion exotisches Flair aus den Weiten Italiens in die deutsche Provinz brachte.

Verloren zwischen altem und neuem Europa

Manche Orte schien die Benennung nach Europa über ihre Bedeutungslosigkeit zu erheben – und diese damit erst richtig zu verdeutlichen. Der Baubeginn des Europa-Center in Berlin etwa fiel auf den Abschluss des Mauerbaus 1961, man wollte der drohenden Verinselung Westberlins ein Signal der Weltoffenheit entgegensetzen. Heute ist das Europa-Center geprägt von Rentnercafés, leerstehenden Verkaufsflächen und Boutiquen, die sich Glamour nennen und Kleider für einstellige Eurobeträge verkaufen.

Irgendwann sind all diese Hotels, Einkaufszentren und Eiscafés in eine Zeitfalte geraten und von der Gegenwart weggedriftet. Irgendwann hat der Name Europa seinen verheißungsvollen Klang verloren. Heute wirkt er an der Hotelfassade wie ein verblassendes Tattoo auf alternder Haut. Vielleicht, weil Europa heute mehr Wirklichkeit ist denn je zuvor. Vielleicht, weil Europa bürokratischer ist als je zuvor. Wenn heute noch etwas nach Europa benannt wird, dann in der unpoetischen Kurzform Euro.

Aber der Gegensatz zwischen dem großen Wort Europa und der realen Tristesse einer Pension in der deutschen Provinz hat etwas Berührendes. Diese Pension steht nicht für Europa, aber wer immer sie benannte, hat ein Ideal von Europa gehabt. Ein so erstrebenswertes Ideal, dass es für wert gehalten wurde, das Unternehmen, den Lebensmittelpunkt damit zu schmücken.

Schicken Sie uns ein Foto von Ihrem Europa

Solche Orte wollen wir sammeln. Nach Europa benannte Cafés, Friseure, Straßen, Plätze, Geschäfte, Hotels, Parks, Fußgängerpassagen, Orte, an denen sich der Bruch zwischen großer Idee und kleiner Welt manifestiert. Kennen Sie so einen Ort? Dann schicken Sie uns ein Foto davon mit einer kurzen Beschreibung an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Europa-Orte". Aus Ihren Einsendungen erstellen wir eine Fotogalerie, die wir vor der Europawahl am 25. Mai 2014 veröffentlichen.