Es ist mittlerweile über drei Jahre her, dass mein Sohn das Licht der Welt erblickte. Er war ein absolutes Wunschkind. Akribisch habe ich mich in der Schwangerschaft auf den Neuankömmling vorbereitet. Vorbereitungskurse habe ich besucht, Ratgeber verschlungen und jeden Tipp von Fachexperten direkt umgesetzt. Alles sollte perfekt sein, wenn der Zwerg endlich da war.

Irgendwann war es soweit und eine wunderschöne Geburt rundete die nahezu komplikationslose Schwangerschaft ab. Doch als ich meinen kleinen Sohn kurz darauf im Arm hielt, musste ich feststellen, dass mir die instinktiven Muttergefühle für mein Kind fehlten.

Wieder zu Hause fühlte ich mich für das kleine Wesen verantwortlich, aber auch überfordert. Ich war müde und es fiel mir schwer, mit meinem Sohn zu spielen. Ich hatte keine Lust auf Unternehmungen und war erleichtert, wenn mein Mann mir den Kleinen abnahm. Da ich damit aber nicht dem gängigen Mutterbild entsprach und ich niemanden kannte, der ähnliche Erfahrungen gemacht hatte, mimte ich nach außen hin die perfekte Mutter.

Es dauerte lange, bis ich mein Problem erkannte: Ich stand mir selbst im Weg. Ich stellte viel zu hohe Erwartungen an mich als Mutter. Immer wollte ich alles richtig machen und vor anderen glänzen – bisher hatte ich mein Leben ja auch perfekt im Griff gehabt. Hinzukamen Ärzte, die mir Angst vor plötzlichem Kindstod machten, Hebammen, die mich über das richtige Füttern mit Brei informierten, Ratgeber, die mir ideale Babyübungen zeigten, und unzählige Magazine, TV-Serien und Internetseiten, die ein überhöhtes Mutterbild schaffen und einen Wettbewerb ums Kind anzetteln. In dieser Zeit klärte mich aber kein Mensch darüber auf, dass nachgeburtliche Depressionen keine Seltenheit sind – im Gegenteil. Trotzdem sind sie immer noch ein Tabuthema.

Irgendwann durchbrach ich dank der Hilfe meines Mannes mein Schweigen. Ich vertraute mich ihm an und öffnete so den Weg für meine natürlichen Muttergefühle. Aus meiner Erfahrung heraus will ich jetzt anderen Frauen Mut machen, zu ihren Gefühlen zu stehen. Keine Mutter muss perfekt sein. Zusammen mit einer Freundin habe ich ein Blog ins Leben gerufen, auf dem wir auch schwierige Themen rund um Elternschaft und Kinder behandeln. Ich war überrascht, wie viele Frauen sich dort zum Thema nachgeburtliche Depressionen äußern. Und ich war erschrocken, wie viele Leserinnen sich aus Angst nur anonym zu Wort melden.