Gestern vor elf Monaten haben wir geheiratet, jung und noch ein bisschen verliebt. Heute ist der Körper meines Mannes steif und voller Schmerzen. Wenn wir auf der Wiese picknicken, sitzt er im Rentner-Klappstuhl. Beim Filmgucken hängt er nicht mehr, wie früher, auf dem Boden herum, sondern sitzt steif auf einem Stuhl. Wenn er aufsteht, schwankt er.

Mein Mann hat Morbus Bechterew, eine chronisch entzündliche rheumatische Erkrankung. Im Moment hat er ständig Schmerzen, mit der Zeit werden seine Gelenke versteifen, und wenn es ganz schlecht kommt, entzünden sich seine Organe.

Nachts stöhnt er vor Schmerzen. Morgens rollt er sich seitlich aus dem Bett und zieht sich an Krücken hoch. Ich darf ihn dabei nicht ansehen, weil er seinen Schmerz nicht verstecken kann. Wenn mein Mann Fotos von sich sieht, lacht er nicht mehr und sagt "geil!", sondern: "Guck' mal, mein Rücken." Manchmal binde ich ihm sogar die Schuhe zu.

Wenn er krumm auf einem Stuhl sitzt, sollte ich eigentlich seinen Rücken gerade schieben – aber ich will nicht, dass er ständig an seine Krankheit denkt. Was soll ich tun? Außerdem trinkt er Cola und raucht. Beides sollte er bleiben lassen, das weiß ich. Aber macht es ihn wirklich gesünder, auf Cola zu verzichten?

Ich habe keine Lust, mich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen, die ungebeten in unser Leben eingedrungen sind. Ich dachte immer, dass man Dinge, die einem sauer aufstoßen, eben ändert. Jetzt habe ich nur die Möglichkeit, mich zu arrangieren.

Mein Mann sagt, wenn ich mit dem Schicksal hadere, muss ich den Kampf auskämpfen. Am liebsten würde ich diesen miesen Eindringling aber einfach ignorieren, weil das der härteste Schlag ist, den ich austeilen kann. Aber wen soll ich ignorieren? Meinen Mann? Gott? Mich?

Am Ende bleibt mir nur die Wahl, heulend am Spielfeldrand zu sitzen oder den Ball, den das Schicksal mir zugespielt hat, anzunehmen. Aber es ist nicht so, dass wir die Krankheit besiegen können, wenn wir gut genug sind. Bis zum Lebensende wird sie uns begleiten. Noch nie habe ich etwas so Absolutes erfahren. Viele würden sagen, es sei gut, sich über die Endlichkeit Gedanken zu machen, aber ich will nicht über das Leben nachdenken. Ich will leben.

Ich könnte Abstand nehmen von Mitgefühl und Verständnis, könnte die Beziehung zu meinem Mann beenden und damit die Schmerzen hinter mir lassen. Ich wünschte, er hätte diese Möglichkeit auch. Ich wünschte, wir könnten uns abwechseln mit den Schmerzen.

Ich bin 26, frisch verheiratet und wünsche mir nichts mehr, als dass mein Mann wieder gesund wird. Aber das wird nicht passieren. Ich kann nur dagegen kämpfen, dass Angst, Enttäuschung und Ärger unser Leben bestimmen. Sonst hat die Krankheit auch unsere Seelen erreicht.

Die Autorin schreibt unter einem Pseudonym. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie "Körperbilder". Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen – bitte per E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Körperbilder".