Deutschland ist nur für Angestellte – Seite 1

Wir haben unsere Leser gefragt, welche Erfahrungen sie als geringverdienende Selbständige machen. Die aufgeworfenen Fragen diskutieren wir von 13 bis 15 Uhr live hier im Kommentarbereich mit Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn. Er ist habilitierter Volkswirt und Sprecher für Arbeit und Soziales der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Als Anregung finden Sie im Folgenden eine Auswahl der Rückmeldungen unserer Leser aus den vergangenen Wochen. Wollen Sie sich in die Debatte einbringen, dann formulieren Sie bitte Ihre Fragen unten im Kommentarbereich.

Ein Anfang und erster großer Schritt in die richtige Richtung wäre die Ausweitung des Konzepts der Künstlersozialkasse über den Kunst- und Medienbereich hinaus auf alle Selbstständigen, d.h. die Schaffung einer Selbstständigen-Sozialkasse, in der der Staat die Arbeitgeberbeiträge zur gesetzlichen Pflege- und vor allem Kranken- und Rentenversicherung übernimmt. Dem Staat käme eine solche Bezuschussung wahrscheinlich um einiges günstiger als später die Altersarmut unter ehemals Selbständigen zu bekämpfen.
Kommentar von globalcitizenXL

Die Relation zwischen Arbeit und Verdienst ist keineswegs linear. Es ist nicht so, dass mehr übrig bleibt, je mehr ich arbeite. Im Gegenteil: Steuern und vor allem Krankenkasse sind eine so hohe Belastung, dass ich kein Bein auf den Boden bekomme.
Anonym, per E-Mail

Ich wäre glücklich, wenn ich den Mindestlohn hätte, so wie weitere 25% der kleinen Selbständigen.
Monika Kauth, per E-Mail

Bedingungsloses Grundeinkommen!!!
Ingetraud Stetter, über Facebook

Eine meiner schönsten Zeiten: als Selbständiger in der Werbung. Mit guter Auftragslage und relativ geringen Ansprüchen – kleine Familie, kleine Kinder. Doch irgendwann war diese Zeit zu Ende und es blieb nur der rettende Sprung in ein Unternehmen, das mir mehrfach einen Angestelltenjob angeboten hatte. Und damit halt wieder in die andere Form der Abhängigkeit. Résumée: Deutschland ist aufgrund seiner ganzen Steuer- und Sozialversicherungsstruktur nicht für Einzelkämpfer geeignet. Es ist das Land der Angestellten und damit der – wohl gewollten – Abhängigkeit (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.)
Kommentar von MaxOtto

Ich finde, dass der Staat schon viel zu viel vorschreibt und dem Einzelnen zu viel Verantwortung abnimmt, etwa indem eine Mitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung gesetzlich vorgeschrieben wird. Wer den Schritt in die Selbständigkeit wagt, muss sich über alle Risiken bewusst sein und seiner Verantwortung für sich selbst gerecht werden können. Auf keinen Fall sollte man eine staatliche Absicherung für Selbständige einführen, im Gegenteil: Selbstständige sollen noch selbstständiger sein dürfen.
Tilman Eberhardt, per E-Mail

Faire Honorare bitte, pünktlich bezahlt

Als ehemaliger Betriebsberater der Kammern weiß ich um die drohende Altersarmut vieler Kleinbetriebe, ob Handwerk oder Dienstleistung. Zuallererst sollte man die für Kleinbetriebe horrenden Kammerbeiträge abschaffen, dann könnten die Betreiber wenigstens ihre Renten- und Krankenversicherungen bezahlen.
Kommentar von adam50

Die Sozialversicherungsbeiträge, die sich lediglich an gutverdienenden Selbständigen orientieren, fressen etwa die Hälfte meiner Einkünfte. Die Krankenkasse geht beispielsweise von 2.073,75 € als Mindesteinkommen aus. Die Lösung ist demnach ziemlich einfach: Die Mindestbeiträge abschaffen, die auf der Annahme eines imaginären Mindesteinkommens beruhen. Dann stünde sogar einer vollen Versicherungspflicht hinsichtlich Kranken-, Pflege-, Renten- und Unfallversicherung nichts mehr im Wege. Mir ist nicht einsichtig, wieso ausgerechnet die Geringverdiener die Mehrverdiener mitfinanzieren sollen. Und warum soll ein Selbständiger mehr Beiträge zahlen als ein Angestellter (inkl. Arbeitgeberanteil) mit gleichem Einkommen?
Thiemo Kahn, per E-Mail

Rücklagen für die Altersvorsorge müssen insolvenzsicher sein. Es kann nicht sein, dass eine über Jahrzehnte aufgebaute Altersvorsorge durch einen unternehmerischen Fehler komplett, und unter Verlusten, aufgelöst wird. Es sollte zumindest ein gedeckelter Betrag erhalten bleiben.
Thomas Rauscher, per E-Mail

Meine Vorschläge:
1. Das Finanzamt bietet eine kostenlose Finanz- und Bürosoftware an, mit der die relevanten Vorgänge (z. B. Lohn-, Gewerbe und Umsatzsteuer) schnell und rechtssicher erfasst werden können.
2. Die steuerlichen Abzugsmöglichkeiten werden auf 0 reduziert, dafür erhält jeder Mensch eine negative Einkommenssteuer gutgeschrieben, die er bei einem Nullverdienst auch ausgezahlt bekommt. Dadurch wird auch die Steuererklärung einfacher.
3. Alle relevanten Gesetze werden daraufhin überprüft, ob sie ohne Aufwand auch für kleine Unternehmen umsetzbar sind. Insbesondere auf EU-Ebene muss darauf geachtet werden, dass Gesetze nicht kleine Firmen unangemessen benachteiligen.
4. Eine Klausel für Kleinunternehmen setzt alle Buchhaltungsvorschriften etc. für kleine Firmen mit maximal fünf Mitarbeitern und höchstens einer Million Jahresumsatz außer Kraft, d.h. diese Firmen müssen ausschließlich Lohn-, Umsatz- und Gewerbesteuer zahlen und können eine Ist-Versteuerung machen, auch wenn sie eine GmbH sind.
Dietmar Ferger, per E-Mail

Auftraggeber, die faire Honorare pünktlich bezahlen.
Andrea Hansen, über Facebook

Warum können sich manche hinter Gebührenordnungen verstecken?

Meine Frau und ich stellen uns darauf ein, dass wir auch als Ruheständler weiter arbeiten müssen, um über die Runden zu kommen. Zudem sehe ich Chancen darin, sich mit anderen in ähnlicher Lage zusammenzutun, um sich gegenseitig zu unterstützen und bei vergleichsweise niedrigen Kosten würdig leben zu können. Angst habe ich davor nicht, schlimmstenfalls geht es irgendwann in die Grundsicherung. Ein Bürgergeld, das das bisherige Sozialsystem inkl. Rente ersetzt, wäre angesichts der kommenden Probleme (zu viele Rentenempfänger, zu wenig Einzahler) sicher die ehrlichere Lösung.
Christoph Wüstenhagen, per E-Mail

Was sind denn "viele Selbständige"? Geht es nicht mal ein wenig konkreter? Das Arbeitsministerium rückt nämlich auch immer keine Zahlen raus, wenn es darum geht, uns Freiberuflern und Selbständigen die Rentenversicherungspflicht aufs Auge drücken zu wollen. Soviel ich weiß, sind lediglich drei bis vier Prozent im Alter auf staatliche Beihilfen angewiesen. Bei den Angestellten – und sogar bei den Beamten! – sieht es nicht besser aus. Und in absoluten Zahlen kann man die paar Selbständigen, die von Altersarmut betroffen sind, im Vergleich zu den Angestellten wohl gleich ganz vernachlässigen.
Kommentar von barheine

Mir ist es ein Rätsel, warum sich Steuerberater und Anwälte hinter ihren Gebührenordnungen verstecken können, während freie Fotografen, Filmemacher, Grafiker, Webprogrammierer etc. ständig mit den Kunden über Honorare diskutieren müssen, weil es neben den Profis zu viele Hobby-Künstler gibt, die für'n Appel und'n Ei eine ähnliche Leistung für sehr viel weniger Geld anbieten. Ein freier Fotograf, der ja auch Miete für Studio, Krankenkasse, Altersvorsorge bestreiten und entsprechend kalkulieren muss, verliert natürlich im Vergleich zu einem Pressefotograf im Angestelltenverhältnis, der abends nach Feierabend noch Werbefotografie anbietet. Außerdem wäre eine Art Freelancer-Gewerkschaft gut, die Frage ist aber, ob sich das durchsetzt. Denn die Freelancer-Landschaft ist ja leider sehr zerklüftet.
Kommentar von Suppenhühnchen

Über zehn Jahre war ich in Deutschland selbständig, nun in Schweden. Ich bevorzuge als Geringverdienerin das hiesige Modell. Für Selbständige gelten die gleichen Regeln wie für Arbeitnehmer. Einkommenssteuer, Krankenkasse und Rente liegen in einem Topf. Es gibt kaum einen Freibetrag wie bei der deutschen Einkommensteuer, stattdessen zahlen fast alle ca. 30% Abgaben für ihr Einkommen. Vielverdiener zahlen mehr. Das gibt einem das Gefühl, Teil des Systems zu sein. Und es fördert den Mut zur Selbständigkeit.
Gunilla Carsten, über Facebook