1995 habe ich mich als Kulturmanagerin im Bereich bildende Kunst selbständig gemacht. Bis vor ein paar Jahren haben ich und meine Bekannten, darunter viele Künstler, uns keine großen Gedanken um Altersvorsorge und soziale Absicherung gemacht. Vielleicht weil wir dachten, da kommt noch was oder wir haben noch Zeit.

Wir hatten nie viel Geld, aber wir haben immer das Beste daraus gemacht. Dann kamen die ersten großen Einschläge: Krankheiten, gekündigte Nebenjobs, Wohnungsnot, Atelierkündigungen und die ersten Anzeichen des Alters. Wenn Kraft und Zuversicht ausgehen, wird es schwierig. Bis es soweit ist, denkt man nicht viel darüber nach, wie es weitergeht. So lange man nur an seiner Sache arbeiten kann.

Ich bin jetzt 49. Bis vor vier Jahren lebte ich mit einem Bildhauer zusammen in Hamburg, dann trennten wir uns und ich zog zurück in meine alte Heimat Düsseldorf. Mitte April 2011 diagnostizierten die Ärzte bei mir einen Gehirntumor, der mich bis Ende 2011 in Krankenhäusern und Rehas verweilen ließ. Immer noch gelte ich als schwerbehindert.

Im Herbst 2013 musste ich Hartz IV anmelden. Ich dachte, das wäre die schlimmste Krise, die ich je im Leben haben könnte. Sie kam aber erst noch. Denn in den folgenden drei Monaten, während der Hartz-IV-Prüfung, war ich nicht krankenversichert und hatte überhaupt kein Geld. Heute weiß ich, was es heißt, wirklich arm zu sein. Wenn man krank ist, von Freunden Geld in den Briefkasten geworfen und Essen vor die Tür gestellt bekommt und nachts vor Hunger nicht einschlafen kann, dann ist man einfach nur arm – in unserem reichen Deutschland.

Ich werde arm bleiben

Ich hatte keine großen Rücklagen aufgebaut. Ich hatte nie genug Geld, um für mein Alter vorzusorgen oder eine vernünftige Krankentagegeldversicherung abzuschließen. Ich war immer froh, wenn ich meine Krankenversicherung zahlen konnte und die Miete. Im Grunde war ich immer arm. Vor meiner Krankheit hatte ich es aber nie so empfunden. Ich habe einfach immer weitergemacht.

Jetzt heißt es für mich, finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Aber ich weiß: egal was ich mache, für eine Rente wird es nicht mehr reichen. Ich werde arm bleiben. Als einfache Sekretärin wäre ich heute und auch im Alter finanziell besser gestellt als mit meiner kleinen Selbständigkeit. Wirtschaftlich gesehen habe ich wahrscheinlich alles falsch gemacht.

Kleine Selbständige erfahren keine wirkliche Beachtung in der Gesellschaft. Anerkennung bekommen sie erst, wenn sie es geschafft haben, wenn sie bekannt geworden sind. Kleine Selbständige, die sich keine Anwälte leisten können, werden von großen Auftraggebern oft erst spät bezahlt oder in den Preisen gedrückt. Fair behandelt oder ernst genommen werden sie selten. Sie zahlen einen hohen Preis für ihre Selbständigkeit.

Viele Menschen glauben, Selbständige würden ja gar nicht "richtig" arbeiten, sondern eher ihrem Hobby nachgehen, mit ihrem Lebensmittelladen, Übersetzungsbüro oder ihrem Schusterhandwerk. Dieselben Menschen beschweren sich, dass es in Innenstädten nur noch Ladenketten und große Supermärkte gibt. Was macht denn das Flair eines Stadtteils aus? Was eine gesunde Gesellschaft und ein gutes Miteinander? Kleine individuelle Läden, inhabergeführte Unternehmen. Mit persönlicher, fachlich fundierter Beratung. Aber für diese Leistungen entsprechend bezahlen, das will niemand.

Die Autorin schreibt unter Pseudonym. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen unseres Leseraufrufs "Selbständigkeit". Ihre Vorschläge, wie sich die Situation geringverdienender Selbständiger verbessern ließe, sammeln wir im Kommentarbereich unter dem Aufruf. Ihre persönlichen Erfahrungen mit Selbständigkeit können Sie uns per E-Mail an leseraufruf@zeit.de zusenden, Stichwort "Selbständigkeit".