Ich wache jeden Morgen neben meinem Freund auf ― und neben Odette. So nenne ich meine Insulinpumpe. Sie ist Teil der Therapie meines Diabetes mellitus (Typ I). Zu Beginn meiner Pubertät stufte mein Immunsystem bestimmte Zellen der Bauchspeicheldrüse irrtümlich als gefährlich ein. Es entschied sich für die radikale Lösung: Vernichtung des scheinbaren Feindes. Als Kollateralschaden nahm mein Körper den Zusammenbruch seiner Insulinproduktion in Kauf. So verlor ich die Fähigkeit, meinen Blutzuckerspiegel selbstständig zu regulieren.  

Seit 2004 trage ich deshalb Odette tagtäglich mit mir herum. Sie ist etwas kleiner als ein durchschnittliches Smartphone, dafür dicker und robuster. Wo Odette hinfällt, knicken auch Wacholderbüsche ein. Sie enthält eine kleine Kartusche, aus der das Insulin kontinuierlich über einen fast ein Meter langen Schlauch in mein Unterhautfettgewebe gepumpt wird. Die dazugehörige Kanüle wechsle ich jeden zweiten Tag nach dem Duschen.  

Odette ermöglicht mir flexible Insulininjektionen. Meinen Grundbedarf deckt sie mithilfe der sogenannten Basalrate automatisch. Wenn ich etwas esse, drücke ich ein paar Knöpfe, Odette vibriert zustimmend und kümmert sich dann um den Rest. Ohne sie müsste ich zu jeder Mahlzeit sowie morgens und abends Insulin spritzen. Auch die Gefahr einer Überdosierung ist mit der Pumpe weniger groß als bei der Spritztherapie.

Zuerst habe ich mich gegen Odette gewehrt. Der Gedanke, eine Maschine an meinen Körper anzuschließen und davon abhängig zu sein, hat mich zu stark an Cyborgs aus Science-Fiction-Filmen erinnert. Mittlerweile ist Odette aber ein Teil meines Körpers geworden. Im Gegensatz zum Rest von mir wurde sie jedoch von Hand in der Schweiz hergestellt und hat eine Garantie. Ich nehme sie nur zum Duschen und beim Sex ab, bei letzterem aber nicht immer. Nackt sein bedeutet für mich, Odette aus Mangel an Gesäßtaschen in der Armbeuge einklemmen zu müssen. Wenn ich auf die Toilette gehe, steht sie aufrecht neben der Klobürste, für alles andere reicht die Schlauchlänge nicht. Nachts liegt sie unter meinem Kopfkissen. Ihr integrierter Wecker rüttelt und lichtorgelt mich morgens aus dem Schlaf.

Heute kann ich mir ein Leben ohne Odette nicht mehr vorstellen. Sie ist wie ein Extrafettpolster, das immer irgendwo verstaut werden muss. Habe ich sie einmal abgelegt, scheint etwas zu fehlen, als ob ich einen Arm irgendwo in einer Zimmerecke vergessen hätte. Genauso wie mein rechtes Bein manchmal ohne erkennbaren Grund einschläft, hat Odette ab und zu schwache Batterien. Wenn ich zu viele Liegestütze mache, sind meine Oberarme sauer – vergesse ich Insulin nachzufüllen, warnt mich Odettes Vibrationsalarm. Ich habe eine externe Festplatte und eine externe Bauchspeicheldrüse.

Fast immer befindet sich Odettes blaue Schutzhülle aus Silikon irgendwo am Rande meines Blickfeldes. Während ich konzentriert auf den Monitor starre, liegt sie still daneben. Oder sie steckt in einer Tasche meiner Stoffhose. Manchmal rutscht sie heraus auf das Sitzpolster des Bürostuhls. Das bemerke ich meist erst, wenn ich aufstehe und der Schlauch, der uns verbindet, anfängt zu spannen und an der Kanüle zu reißen. Dann schimpfe ich mit Odette, aber nur ganz kurz.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie Körperbilder. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen – bitte per E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff Körperbilder.