Mit neun Jahren war ich bereits größer als meine Grundschullehrerin. Sie nannten mich "Tittenmonster" und kicherten, als mein Vater mich im Schulhof mit einer Packung Binden zu meiner ersten Periode beglückwünschte. Sie – das waren die anderen Mädchen in meiner Grundschulklasse, fast alle klein, dünn und niedlich. Sie bekamen Liebesbriefe und wurden beim Flaschendrehen geküsst. Sie hießen Josefine, Nora oder Tabea. Sie spielten meist mit Barbies, während sie langsam aber stetig dem Schönheitsideal entgegen wuchsen.


Ich hingegen kann mich gar nicht daran erinnern, wie es war, ein kleines Mädchen zu sein. In meiner Erinnerung hatte ich sofort einen riesigen Busen, mit acht Jahren schon Körbchengröße 75 B – oder war es sogar C? Jedenfalls gab das einfache Top, das ich im Sportunterricht trug, kaum Halt. Mein Busen hatte keine Chance, in die Höhe zu wachsen. Zu spät wurde er gehalten, von BHs, die nie richtig passten.


Mit zehn Jahren war ich 1,80 Meter groß, wog 70 Kilogramm und trug Schuhgröße 43. Eigentlich war ich schlank, wog aber trotzdem 30 kg mehr als die anderen Mädchen in meinem Alter. Ich machte zum ersten Mal eine Diät – später tat ich das immer wieder. Ich fühlte mich groß und dick, was dazu führte, dass ich aus Frust aß und tatsächlich ein bisschen runder wurde. Ein Teufelskreis. Äußerlichkeiten wurden ein normaler Maßstab. Aufwachsen in einer Schönheitsgesellschaft.

Ich war eine Irritation als Kind, aber vor allem wohl als Mädchen. Unter einem Mädchen stellt sich niemand einen 1,80 Meter großen, vollbusigen, starken Menschen vor. Es fiel mir leicht, gleichaltrige Jungs im Armdrücken zu besiegen, ich spielte Basketball und konnte schwere Tische verrücken. Schon früh empfand ich die Zuweisungen "typisch weiblich" und "typisch männlich" als Belastung, weil ich nie das Gefühl hatte, den gängigen Geschlechtervorstellungen zu entsprechen. Auch heute noch werde ich beim Tragen einer Palette Bier darauf hingewiesen, dass das doch nichts für eine Frau sei. Viel zu schwer. Sexismus im Alltag.

Doch wieso erzähle ich das?
 Nun, 20 Jahre, nachdem ich gefühlt in nur einem Jahr 40 Zentimeter wuchs, habe ich noch immer daran zu knabbern, nie der Norm entsprochen zu haben. So früh, wie ich mit den Schönheitsidealen dieser Gesellschaft konfrontiert wurde, hatte ich nie die Chance, ein normales Verhältnis zu meinem Körper zu entwickeln.


Es fällt mir immer noch schwer, meinen Körper zu lieben. Mein Po, mein Busen, die Oberarme, sie meckern, machen auf sich aufmerksam, vergleichen sich mit anderen. Ich versuche sie zu beruhigen, ihnen Komplimente zu machen, versuche, meinen Körper wertzuschätzen. Schließlich fährt er mich jeden Tag mit dem Rad zur Uni, schwimmt kilometerweit durchs Wasser, versprüht Endorphine beim Sex, genießt Schokolade und Salat, putzt meine Wohnung, schreibt geduldig mit mir Diplomarbeit und trägt palettenweise Bier durch die Gegend.  

Es geht ja nicht nur um große Füße, hängende Brüste und glatte Haut. Es geht um so viel mehr. Den eigenen Körper lieben, heißt, nicht nur die Äußerlichkeiten schön zu finden, sondern ihm für seine alltäglichen Leistungen Anerkennung entgegenzubringen. Denn genau so kann man es schaffen, mit dem gängigen Schönheitsverständnis zu brechen. Und zwar auch mit 1,80 Meter, 90 Kilogramm, Körbchengröße 85 D und bequemen Schuhen.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Serie Körperbilder. Wir freuen uns weiterhin auf Ihre Einsendungen – bitte per E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff Körperbilder.