Die Linke-Parteichefin Katja Kipping fordert Reisegutscheine für Empfänger von Sozialleistungen. Es müsse ein Recht auf Urlaub geben, sagte sie in einem Interview mit der Welt und erntete dafür harsche Kritik. Wir fragten unsere Leser auf Facebook: Ist Kippings Vorschlag vernünftig? Die Reaktionen hätten nicht unterschiedlicher ausfallen können. Mit über 300 Kommentaren entwickelte sich eine Debatte mit verhärteten Pro-Kontra-Fronten und wenigen Zwischentönen. Wir versuchen zu vermitteln – und haben aus den Kommentaren einen Leser-Dialog konstruiert.

"Wozu benötigt jemand Urlaub, der nicht arbeitet? (Nur Hartz-IV-Empfänger betreffend.)"
Simon Meiberger

"Um seinen geistigen Horizont zu erweitern? Andere Länder zu sehen? Neues zu Entdecken? Neuen Input im Leben?"
Jan von W

"Und wenn die Linken den sozial Schwachen den tollsten Urlaub finanzieren: damit ist doch niemandem geholfen! Nach dem Urlaub ist dann nur wieder vor dem Urlaub. Der Ansatz muss woanders liegen. Und was kann das schon für ein Urlaub sein, wenn man weiß, dass man ihn auf Staatskosten macht? Urlaub ist etwas, was ich mir gönne, eine Belohnung, die ich mir erarbeitet habe. Wird er vom Staat bezahlt bleibt nur Scham. Am Ende profitieren nur die Betrüger davon."
Nane Hanim

"Ich habe da ein Verständnisproblem: wird automatisch davon ausgegangen, dass jemand, der Harz IV bezieht, das dauerhaft tut und sich an der Situation nie etwas ändert? Wenn es nur ein vorübergehender Status ist, dann ist es doch auch nicht schlimm, mal nicht in Urlaub fahren zu können."
Barbara Eschbach

"Jeder weiß, dass man ausgeglichener ist, wenn man Urlaub gemacht hat. Das kann man also auch als Hartz IV-Empfänger gut gebrauchen – um danach umso fitter für den Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen. Im Übrigen kann ich auch die Kritik verstehen. Mein Mann und ich gehen beide arbeiten, aber einen richtigen Familienurlaub können wir uns trotzdem nicht leisten, obwohl wir keine hohen Ansprüche haben. Trotz allem finde ich die Überlegung sinnvoll. Denn ausgeglichene Menschen sind auch positiver ihr Leben betreffend und haben so mehr Chancen auf einen guten Job."
Miri Wa

"Ach ja: was kommt denn dann danach? Jeder hat ein Recht auf ein Fortbewegungsmittel? Jedem sein Auto oder E-Bike, oder Motorrad? Super! Ein Grundrecht auf Mobilität! Vielleicht auch noch Puff-Gutschein für Singles, sonst wird man von der Gesellschaft ausgeschlossen, weil man keinen Sex hat, und für das seelische Gleichgewicht ist es ja auch schlecht..."
Nane Hanim

"Es geht auch nicht darum, jemandem einfach so was zu schenken. Der Betrag könnte z.B. bei Personen ohne Familie an Bedingungen geknüpft sein wie z.B. bei langfristiger Arbeitslosigkeit Besuche von berufsbildenden Maßnahmen o.ä."
Miri Wa

"Oh, wenn man mir als Student, der unter der Armutsgrenze lebt, auch mal einen Urlaub finanziert, bin ich dabei. Ansonsten, lasst so einen teuren Blödsinn doch einfach. Also die Gutscheine, meine ich."
Catjar Noeff

"Ich fände Gutscheine für Kinder aus sozial schwachen Familien in Ordnung, unabhängig von Hartz IV. Aber alles darüber hinaus?"
Inken Erbst

"Wie wäre es, Schwimmbäder per se günstiger zu machen für Kinder. Das waren meine Kindheitserinnerungen: jeden Tag Schwimmbad. Ich kann mir das für meine Kinder nicht leisten. Oder echte Familienrabatte, nicht nur für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Auch Menschen ohne Hartz IV haben es nicht einfach, mal eben so 40 Euro für den Zoo zu bezahlen"
Murphys Tanja

"Also warum keinen Gutschein für alle Kinder? Dann können entweder die Kinder alleine in ein Zeltlager, oder die Familie kann damit die Urlaubskasse unterstützen. Für Kinder kann das schon belastend und prägend sein, wenn man immer der ist, der nur gebrauchte Sachen hat, nie mit ins Kino gehen kann und auch niemals von einem Urlaub erzählen kann."
Pipi Lotta Bommelfee

"Finde es grundsätzlich gut. Aber eher für Familien mit Kindern, bzw. Alleinerziehende. Nix für ungut, bin selbst keine Mutter und auch noch Aufstockerin (mit einem akademischen Abschluss UND einem Facharbeiterbrief btw), aber ich denke nicht, dass mir irgendjemand außer mir selbst meinen Urlaub finanzieren sollte. Das geht sogar für meine Begriffe von ‚Unterstützung’ (und der staatlichen Verpflichtung dazu) zu weit."
Kater Nonn

"Ich denke, dadurch, dass auch Arbeitende oft aus Kostengründen auf Urlaub verzichten, würde mit einer derartigen Maßnahme der Anreiz, arbeiten zu gehen, noch geringer."
Christa Atlagic

"Urlaub gibt es erst seit es Gewerkschaften gibt, nicht seit es Lohnarbeit gibt. Eigentlich sollte also Urlaub der bekommen, der Steuern zahlt durch seine Lohnarbeit. Aber ich denke, dass, gerade in Deutschland, der Urlaub ein Teil der kulturellen Identität geworden ist. Deutschland ist die Urlaubs- und Reisenation. Warum? Weil wir es können und wollen. Ist doch egal. Wir fahren halt einmal im Jahr in den Urlaub. Mindestens. So. Also wieso sollen das die Leute, die Deutsche sind, egal ob mit Job oder nicht, nicht auch innerlich verlangen. Lebt ihnen ja jeder vor. Ich kann den Wunsch nachvollziehen."
Conrad Pfeffer

"Viele Jahre konnten wir auch nicht in den Urlaub fahren, da wir uns das schlicht weg nicht leisten konnten. Meine Kinder sind das erste Mal im Urlaub gewesen, da waren sie sechs und acht. Wir haben uns das ordentlich angespart. Ich habe Sozialhilfe erhalten, später Hartz IV. Wichtig war mir, dass meine Kinder und ich über die Runden kommen. Damals in Berlin gab es dennoch zig Dinge, die man mit seinen Kindern machen kann "um mal rauszukommen". An Urlaub wagten wir gar nicht zu denken. Jetzt haben sich die Dinge geändert, wir fahren drei Mal im Jahr für mehrere Wochen in den Urlaub, alle vier bis sechs Wochen gönnen wir uns ein Wochenende. Aber dafür arbeiten wir auch sehr hart. Gerne kann man über Gutscheine nachdenken, um Kinder auf Fahrt zu schicken... Aber mehr auch bitte nicht! Den Urlaub nicht in den eigenen vier Wänden zu verbringen ist Luxus und Luxus kostet Geld und sollte nicht subventioniert werden. Wenn man sich etwas nicht leisten kann, kann man sich eben etwas nicht leisten."
Florian Döring

Zusammengestellt von Dobromila Walasek