Was Regierungskonflikte wie der zwischen Russland und dem Staatenbündnis der Nato für den Austausch zwischen den Völkern bedeuten, wollten wir mithilfe unserer Leser näher beleuchten und fragten: Welchen Einfluss hat der Konflikt auf deutsch-russische Freundschaften? Unter den Rückmeldungen waren Geschichten von Streit und Zusammenhalt, von Kompromissen und beendeter Freundschaft. Sie stammen von Menschen aus Deutschland, Russland und der Ukraine. Die besten haben wir für Sie zusammengefasst.

Ich habe während eines Auslandssemesters viele Russen kennengelernt. Mit einem von ihnen habe ich noch regelmäßig Kontakt. Vor einigen Tagen schickte er mir einen Link. Darunter verbarg sich ein Blogeintrag. Kriegshetzer seien die Deutschen demnach. Laut Umfragen seien 90 Prozent für einen Krieg gegen Russland. Was für ein Propagandist. Ich fühlte mich unwohl und wusste nicht recht, wie ich reagieren sollte. Ich sagte ihm, man solle sich seine eigene Meinung bilden und versprach ihm, die Deutschen wollen keinen Krieg. Gott sei Dank lachte er und schrieb, dass er mich nur aufziehen wollte. Das sei ihm schon klar gewesen. Schön, dass wir dann endlich ein neues Thema fanden: wann wir uns mal gemeinsam in Amsterdam treffen wollen.
Felix Böttner, über Facebook

Jeden Sommer fahre ich zu einer wissenschaftlichen Veranstaltung nach Litauen, an der auch viele Russen, Polen und Balten teilnehmen. Dieses Jahr war ich im Vorfeld etwas besorgt, wie sich die aktuelle Lage auf die Stimmung auswirken würde. Einer meiner russischen Bekannten begrüßte mich mit den Worten: "Schön, dass wir uns wiedersehen, aber es ist vielleicht das letzte Mal." Ich fragte ihn, wie er das meine, ob er befürchte, dass es bald Krieg gebe. Er antwortete: "Nicht unbedingt", aber er fürchte, dass die EU Menschen aus Russland bald nicht mehr einreisen ließe. "Verdientermaßen", fügte er hinzu, "wir hätten unser Monster stoppen müssen."
 Und sollte die EU kein Einreiseverbot verhängen, so befürchte er, werde es ohnehin in absehbarer Zeit ein Ausreiseverbot aus Russland geben. Er erzählte mir, dass es Gerüchte gebe, Russland solle innerhalb von 15 Jahren von Importen unabhängig werden und danach sämtliche Bindungen zum Westen kappen, um den "schädlichen Einfluss liberaler Werte" zu stoppen. Er erzählte von seiner Mutter, die sich so über die Wende gefreut und ihre Hoffnung auf die Demokratie gesetzt hat, mittlerweile aber völlig resigniert ist. Dieses Gespräch hat mich sehr bewegt.
Kommentar von Mindaugas

Ich bin selbst Russe und pflege viele Freundschaften nach Russland. Diese Freundschaften haben sich in den vergangenen Wochen vertieft, wahrscheinlich, weil meine Meinung zur Krise sich nicht allzu sehr von der der meisten anderen Russen unterscheidet. In Deutschland selbst ist es tragischer – zwischen meinem besten Freund und mir herrscht seit Monaten Eiszeit. Er ist Pole und übernimmt die polnische Sicht auf den Konflikt für sich. Früher hätte ich es nicht für möglich gehalten, aber tatsächlich ist es zurzeit besser für uns, einander aus dem Weg zu gehen. Wir landen am Ende nur wieder bei dem Thema und dann kracht es wieder zwischen uns.
Kommentar von Stenin

Ich arbeite im Bereich Entwicklungszusammenarbeit zwischen der EU und osteuropäischen Ländern und kenne daher sowohl Russen als auch Ukrainer, die mittlerweile meine Freunde sind. Nichts hat sich an diesen Beziehungen geändert. Allerdings kenne ich in beiden Ländern nur Leute, die gegen die Politik Putins sind. Manchmal diskutieren wir über die Affinität Deutschlands zu Russland. Ein spannendes Thema. Ich bemerke, dass es den Russen etwas bedeutet, dass viele Deutsche sich noch immer daran erinnern, dass die Rote Armee Deutschland von Hitler befreit hat. Es war ein französischer Kollege von mir, der mich auf etwas Wichtiges hinwies: Nicht nur Russen, auch viele Ukrainer waren an der Befreiung Deutschlands beteiligt. Damals war die Ukraine Teil der Sowjetunion und sehr viele Ukrainer waren natürlich in der Armee. Die bestand ja nicht nur aus Russen. Und das habe ich jetzt gelernt: Die Sowjetunion ist zerfallen und wir scheinen vergessen zu haben, dass diese nicht nur aus Russen bestand.
Kommentar von Keats

Meine Freundin stammt aus Russland. Mitte der Neunziger kam sie zusammen mit ihrer Mutter nach Deutschland. Mittlerweile spricht sie Deutsch besser als ihre Muttersprache. In unseren Gesprächen über die Krise in der Ukraine und das Auftreten Putins sind wir im Grunde einer Meinung. Bei ihrer Mutter ist das anders. Der Westen mache Russland schlechter, als das Land sei, sagt sie oft. Hauptaggressor ist für sie die Ukraine, Russland handle doch bloß im Interesse der Sicherheit, und zwar der seiner eigenen und der ostukrainischen Bevölkerung. Eine Ansicht, die ich nicht teilen kann. Hier bemerkt man, wie sehr unterschiedlich wir durch unseren Medienkonsum beeinflusst sind. Die Mutter meiner Freundin, die beide Medienwelten kennt, hätte aber die Freiheit, gründlicher abzuwägen. Seit der Ukraine-Krise ist ihr Schwenk zu Russland unübersehbar. Es stimmt, was ich nun immer häufiger höre: Dass der Konflikt die russische Bevölkerung eher zusammenschweißt und eine Art Trotzreaktion provoziert, als dass er eine Debatte befördert. Durch unsere ständige Russland-Kritik wird der Graben zwischen den Ländern nur immer größer, das ist mir klar. Ich würde mir wünschen, dass es von russischer Seite ebenso viel Verständnis für unsere Ängste und Befürchtungen gäbe.
Kommentar von pattersons_hat

Ich habe eine Beziehung mit einer sehr westlich eingestellten Russin. Ihr und meinen russischen Freunden gegenüber, die teils schon zehn Jahre in Deutschland leben, versuche ich aber die Themen Politik und Religion zu vermeiden. Es erstaunt mich immer wieder, wie sehr diese Menschen von russischer Propaganda indoktriniert sind. Angela Merkel bezeichnen sie als "Marionette Obamas". Das Passagierflugzeug MH17 habe ein ukrainischer Militärjet abgeschossen, und zwar erst mit einer Sidewinder, bevor anschließend gezielt mit der Bordkanone das Cockpit beschossen worden sei. Und die Regierung in Kiew ist für sie natürlich ein Faschistenregime. Zum Beweis verweist man auf dubiose Publikationen aus dem Kopp-Verlag, Blogs oder die "freien Medien" Russlands, wie ria.ru beispielsweise. Es ist nicht ganz leicht, sich nicht selbst von Ideologien leiten zu lassen, die die Freundschaft belasten und womöglich bedrohen. Also versuche ich, alle Reizthemen so gut es geht zu vermeiden.
Kommentar von omg1010

Ich bin in St. Petersburg geboren und aufgewachsen, mein Vater stammt von der Krim. In einer Diskussion mit Deutschen verglich ich das Krim-Referendum mit der Machtübernahme auf dem Maidan und wurde prompt von meinem deutschen Nachbarn aus der Wohnung geworfen und als Nazi beschimpft. Von einem anderen Deutschen musste ich mir anhören, die Russen seien Faschisten und würden von einem geisteskranken Amokläufer regiert. In beiden Fällen habe ich den Kontakt abgebrochen. Die Vorfälle machten mir klar, wie empfindlich viele Menschen in Deutschland auf das Thema reagieren. Als Russin steht man unter dem Generalverdacht einer Indoktrinierung durch die russische Propaganda. Darum kommentiere ich es meistens nicht mehr, wenn mich ein Neugieriger danach fragt, was ich über die Ukraine-Krise denke.
Kommentar von Ellen Grain