Vor einigen Jahren ist meine Oma Käthe durchgebrannt. Mit ihrem Chorleiter, Herrn von Dohrenkamp, seines Zeichens rüstiger und gut betuchter Witwer. Jahrzehntelang schwang er den Taktstock mit solcher Vehemenz, dass man Sorge hatte, er rudere sich einem Herzinfarkt entgegen. Unter ihm war Oma Käthe zur Höchstform aufgelaufen, zum wohltönendsten aller Soprane, mit glühenden Wangen und stets wie frisch vom Friseur. 1,58 Meter geballte Sangeslust.  

Seit sich die beiden einst beim Kuren in Bad Kissingen im Wassertretbecken begegneten, waren sie einander sehr zugetan. Gentlemanlike hatte Herr von Dohrenkamp Oma Käthe sein Handtuch überlassen, weil sie mal wieder ihren Turnbeutel vergessen hatte. Er schubberte sich die bleichen Hacksen dezent im Gras trocken. Zum Dank hat sie ihm im Speisesaal der Kurklinik den eingeschmuggelten Salzstreuer zugesteckt. So was verbindet. Aber es war nicht das einzige, was sie verband. Beide kamen sie aus Berlin und waren verheiratet, wenn auch nicht miteinander. Und sie teilten ihre Liebe zur Musik, zu Rosenhainen und zu fränkischer Beschaulichkeit. Und heimlich auch die zueinander. 

"Wenn wir eines Tages mal alt und alleine sind, dann ziehen wir hierher", hatten sie sich versprochen. Eine Ehefrau und zwei Ehemänner später war es dann soweit. Oma Käthe hatte sich schon gedacht, dass der Rest der Familie Theater machen würden, wenn sie mal eben nach Bad Kissingen umzieht, statt einfach nur ihren 80. Geburtstag zu feiern. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann zog sie das auch durch. "Was soll schon passieren?", pflegte sie vergnügt zu sagen. "Morgen fangen neue 100 Jahre an!" 

Oma Käthe hat alles und jeden überlebt. Den Krieg, drei Ehemänner und ihre Tätigkeit als Oberschwester. Warum also nicht so einen Umzug? Noch dazu, wenn er getragen ist von der Vorfreude auf das späte Glück mit Herrn von Dohrenkamp und all den Annehmlichkeiten, die Deutschlands bekanntester Kurort zu bieten hat, vor allem für Musikliebhaber. In den Pausen zwischen Fangopackung und Wadenguss unterhält dort ein Dutzend Musiker die Kurgäste. Und das an jedem Tag, seit 1837. Ein Traum. 

Nach dem Ableben seiner Gattin hatte Herr von Dohrenkamp eine schicke Seniorenresidenz aufgetan und sich samt seiner Muse kurzerhand dort eingekauft. Mit dem Geld aus ihrem Sparstrumpf gönnte sich Oma Käthe einen Umzug erster Klasse. Für die Arbeiter ließ sie Mettbrötchen und kalten Braten vom Feinkostladen kommen. Wenn schon, denn schon. 

Eine Knuddeloma war sie freilich nie. Sie konnte weder Kastanienmännchen bauen noch freute sie sich über Gänseblümchensträuße aus feuchten Kinderhänden. Lieber zeigte sie mir, wie man Grabpflanzen wässert, ohne dabei aufs Geharkte zu treten. Und wie man beim Rommé schummelt. Ihr mangelndes Talent zum Klassisch-Großmütterlichen versuchte sie gelegentlich durch großzügige finanzielle Zuwendungen auszugleichen. In jungen Jahren trugen größere Anschaffungen in meinem Haushalt allesamt den Aufkleber "Sponsored by Oma".  

So speziell sie auch war, so unbezahlbar ist ihr Vermächtnis. Hat sie doch bewiesen, dass Albert Schweitzer recht hatte, als er schrieb: "Niemand wird alt, weil er eine Anzahl von Jahren hinter sich gebracht hat. Man wird alt, wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt. Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele." 

Oma Käthe hat vor Kurzem ihre letzte Reise angetreten. Mit stolzen 86 Jahren und einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

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