Schon wie die Zehn Gebote den Menschen überbracht wurden, ist mit der Kommunikationspraxis unserer Zeit nicht mehr vereinbar. Es wird heute einfach nichts mehr in Stein gemeißelt. So sehr der Traditionalist dies beklagen mag, der Realist weiß, dass auf dieser Welt kein Medium für die Ewigkeit geschaffen wird – und damit auch keine Botschaft.

Vielleicht wünschen sich viele Menschen genau deshalb Regeln, die schon so lange existieren, dass sie wie ewige Wahrheiten wirken. Dass es so etwas gibt wie ein Grundgesetz für korrektes Verhalten, das nicht menschengemacht und deshalb überparteilich ist, erzeugt ein Gefühl von Sicherheit. Und wer sich sicher fühlt, der muss anderen nichts wegnehmen, nicht seine Nachbarn ärgern oder Selbstbestätigung in Seitensprüngen suchen.

Man muss nicht religiös sein, um die stabilisierende Kraft von Geboten zu erkennen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob sich unsere Bedürfnisse und Lebensumstände nicht so umfassend verändert haben, dass althergebrachte Lebensregeln wie die Zehn Gebote oder die fünf Silas nicht mehr ausreichen, uns bei unserer Lebensführung moralisch und emotional zu stützen.

Machen wir ein Gedankenexperiment: Stellen Sie sich vor, die Kirchen hätten beschlossen, ihren Gebotskanon zu erweitern. Welches Gebot müsste Ihrer Meinung nach aufgenommen werden (denken Sie in universalen, ethischen Dimensionen, nicht an das Grundgesetz oder die Statuten Ihres Sportvereins)? Was gebietet unsere Zeit? Eine Zeit, in der es gesellschaftlich anerkannte Alternativen zur Ehe gibt, in der Nahrungsaufnahme nach moralischen Gesichtspunkten bewertet wird, in der sich die Entstehung menschlichen Lebens von natürlichen Grenzen freimacht, in der ein selbstbestimmter Umgang mit dem eigenen Lebensende diskutiert wird, in der das, was wir heute als Utopie denken, morgen schon Realität sein kann?

Geben Sie Ihre Gebote hier im Kommentarbereich ab oder auch gern auf Twitter unter Verwendung der Hashtags #dusollst und/oder #dusollstnicht (zum Beispiel #dusollst auf deine Daten aufpassen oder #dusollstnicht soviel Fleisch essen).