Kleines Gedankenexperiment: Die katholische Kirche ist basisdemokratisch organisiert und kämpft entschieden für die Rechte von Ohnmächtigen und Benachteiligten, egal ob arm, politisch unterdrückt oder transsexuell. Konzepte wie Gott und ein Leben nach dem Tod haben ihre zentrale Stellung in der Lehre verloren und werden liberal gehandhabt. Jeder Katholik darf sich darunter vorstellen, was er möchte, ablehnen darf er sie natürlich auch. Priester müssen nicht mehr zölibatär leben und bieten unter anderem Kurse in Kontemplation an, offen für Anhänger aller Weltanschauungen. Unrealistisch, finden Sie? Unsinnig?

Für die meisten von uns ist der Gegensatz von Religion und säkularer Kultur heute selbstverständlich. Zu lange her sind Aufbruchsbewegungen aus den Kirchen selbst heraus, wie das Zweite Vatikanische Konzil, oder prominente Versuche, das theologische Nachdenken über Gott an die Philosophie der Gegenwart anzuschließen, Versuche, wie sie zum Beispiel Paul Tillich und Dietrich Bonhoeffer um die Mitte des 20. Jahrhunderts unternommen haben. Die maßgeblichen religiösen Institutionen, christliche ebenso wie jüdische und muslimische, sind fest in der Hand von Konservativen oder sogar Reaktionären.

Dabei sollte man Religion auf keinen Fall den Antimodernen überlassen, auch nicht allein den Gläubigen. Denn in den religiösen Traditionen finden sich Haltungen zur Welt, Ideen und Techniken für den Umgang mit sich und anderen, die nicht nur enorm hilfreich für das Überleben in der späten Moderne sein können, sondern auch emanzipatorisches Potenzial bergen. Und im Grunde funktionieren sie auch ohne Bezug auf metaphysische Vorstellungen wie Gott oder ein Leben nach dem Tod.

Ein Beispiel dafür sind Techniken wie Yoga und Achtsamkeitsmeditation, ursprünglich kontemplative Praktiken, die längst ihren festen Platz im Freizeitangebot westlicher Großstädte gefunden haben. Bekanntlich eignen sich Meditation und Yoga ganz gut dafür, den Griff des dauernden Wollenmüssens ein wenig zu lösen, den Selbstverwirklichungszwang der neoliberalen Lebenswelt. Aus kontemplativer Sicht sind solche Entspannungstechniken aber nur Handwerkszeug, das man anwendet, um eine bestimmte Haltung zum Leben zu kultivieren oder zumindest anzustreben. Es ist eine Haltung, die, vereinfacht gesagt, eine größtmögliche Liebe zu sich selbst, zum Leben und zu allen Lebewesen versucht, allem Unguten und Schrecklichen zum Trotz. Man kann diese Haltung religiös nennen, muss es aber nicht.

Die Idee einer atheistischen Religiosität ist radikal und wegweisend

Entspannung der Willenskräfte, Kontemplation, Liebe und Mitgefühl, das alles kennen natürlich nicht nur Buddhismus und Hinduismus. Mit Praktiken wie Yoga und Achtsamkeitsmeditation greifen wir in Europa insgeheim auch auf das kontemplative Wissen in Christentum, Judentum und Islam zu – warum dann nicht gleich offen und direkt? Warum sollten sich religiöse Ideen und Praktiken nicht in eine Kultur verpflanzen lassen, die sich als säkular versteht?

Ganz neu sind solche Ansätze nicht, ähnliche haben in den letzten Jahren vor allem zwei britische Autoren ins Spiel gebracht: aus nichtreligiöser Perspektive der Populärphilosoph Alain de Botton, aus buddhistischer der ehemalige Mönch Stephen Batchelor. Während Alain de Botton sich für einen funktionalistisch-säkularen Zugriff auf die religiösen Traditionen ausspricht, geht Batchelor noch weiter. Er lebt einen Buddhismus vor, der auf Karma, Götter und Wiedergeburt verzichtet, also all die Vorstellungen, für die säkulare Geister höchstens Kopfschütteln übrig haben.

Batchelors Ansatz einer postmetaphysischen, atheistischen Religiosität ist ebenso radikal wie wegweisend. Und sollte unbedingt auf andere Religionen übertragen werden. Was bliebe wohl von den christlichen Lehren übrig, wenn sie konsequent von ihren Bezügen auf Gott und Jenseits gelöst würden? Sicher mehr, als wir uns heute vorstellen können. Nächstenliebe jedenfalls ist nicht notwendig an göttliche Instanzen gebunden.

Religionen von ihrem metaphysischen Ballast zu befreien, könnte für moderne Gesellschaften ein Weg sein, sich das Religiöse zurückzuerobern, ohne deshalb von der intellektuellen Tradition der Aufklärung abzurücken. Einen Versuch wäre es allemal wert. Denn auf Religion als seelischen und ethischen Echoraum sollten wir nicht verzichten. Auf Gott aber schon.

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