"Was Journalisten machen, können Bürger auch"

Niemand ist so gut darin, die Medienbranche niederzumachen wie Medienmacher selbst. Aber die brancheninterne Schwarzmalerei hat auch ihr Gutes: Sie führt zu unabhängigen Neugründungen, die beweisen, dass kein Journalist vor dem vermeintlichen Niedergang des Journalismus verharren muss wie das Kaninchen vor der Schlange. Die gemeinnützige Rechercheplattform Correct!v ist so eine Neugründung. Den Machern geht es nicht darum, den Journalismus neu zu erfinden, sondern im Gegenteil darum, sich auf eine journalistische Kernkompetenz zu konzentrieren: die Investigativrecherche. Weil die Correct!v-Macher aber überzeugt sind, dass man kein Journalist sein muss, um investigativ recherchieren zu können, gibt es jetzt zusätzlich ein Crowdfunding-Projekt zur Förderung von Recherchen, das auch Nichtjournalisten offen steht. Wir haben mit Daniel Drepper, einem der Gründungsredakteure von Correct!v, über Quellentransparenz, Leservertrauen und die Macht der Bürger gesprochen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, die Medien hätten Schwierigkeiten, ihrer Wächterfunktion noch nachzukommen. Aber ist der Anspruch an die Medien als vierte Macht im Staat überhaupt noch zeitgemäß? Haben die Medien als Informant und Kontrolleur nicht vielmehr ausgedient, wenn die Bürger zunehmend nicht nur selbst an Informationen gelangen, sondern diese dank Social Media sogar selbst verbreiten können?

Daniel Drepper: Im Gegenteil. Es ist vielleicht leichter geworden, an Informationen zu gelangen, weil es viel mehr davon gibt, aber gleichzeitig wird es immer schwieriger zu filtern, was wirklich wichtig ist. Da braucht es eine Sortierfunktion. Natürlich kann man sich als engagierter Leser selbstbestimmt informieren, aber größere Zusammenhänge herstellen und strukturelle Probleme aufdecken kann man nicht nebenbei, dazu braucht es professionelle Journalisten.

ZEIT ONLINE: Zurzeit steht es aber nicht besonders gut um das Vertrauen der Bürger in den Journalismus. Viele werfen den Medien vor, sich das Wort diktieren zu lassen, gleichgeschaltet zu sein, sogar korrupt, wie etwa eine Studie von Transparency International im Jahr 2013 aufzeigte. Worauf gründet diese Wahrnehmung, und kann ein Medium wie Correct!v dem etwas entgegensetzen?

Drepper: Ich finde es erschreckend zu sehen, wie viel Skepsis, sogar Hass den Journalisten in den letzten Monaten gerade im Zusammenhang mit der Berichterstattung zur Ukraine oder Syrien entgegengeschlagen ist, und was für einen Anklang ein Buch bekommen kann, das zum Teil abstruse Theorien verbreitet und alles über einen Kamm schert. Ich glaube, es wird eine große Aufgabe für die Medien in den nächsten Jahren, dieser öffentlichen Kritik zu begegnen und sie auszuräumen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch positive Signale. So stellte eine weitere Umfrage von Transparency International 2011 die Frage, was das beste Mittel gegen Korruption und Machtmissbrauch sei, und an erster Stelle wurde der Investigativjournalismus genannt.

ZEIT ONLINE: Kann investigativer Journalismus also zur Wiederherstellung des Vertrauens in die Medien beitragen?

Drepper: Ich glaube schon. Dazu müssen nur ein paar Voraussetzungen erfüllt sein. Die Leser glauben dem Journalismus ja weniger als früher. Weil sie sich selbst informieren können, weil sie selber Quellen prüfen und vergleichen können, weil sie so oft enttäuscht worden sind. Der einzige Weg zur Wiederherstellung des Vertrauens ist, die Rechercheergebnisse transparent zu machen, zu beweisen, dass es stimmt, was man schreibt. Der traditionelle investigative Journalismus legt seine Quellen nicht offen, was nicht zur Vertrauensbildung beim Leser beiträgt. Deshalb ist unser Ansatz, unsere Quellen transparent zu machen.

ZEIT ONLINE: Aber die Offenlegung von Quellen kann auch zu neuen Problemen führen, nämlich dazu, dass man erst gar keine Informationen mehr erhält.

Drepper: Natürlich muss man den Quellenschutz berücksichtigen. Aber wir können die Informationen transparent machen, die wir aus unseren Quellen beziehen. Wir haben zum Beispiel Dokumente aus einem Bestechungsskandal einer holländischen Ölfirma zum Download angeboten, ohne die Quelle preiszugeben, die uns diese Dokumente übermittelt hat. Diese Praxis hilft übrigens auch, den Lesern aufzuzeigen, dass auch Schriftdokumente, auch Daten nicht unbestechlich sind. Sie sind genauso interpretierbar und anfällig für Verfälschungen wie die Informationen, die man aus einem Telefongespräch mit einem Informanten bezieht. Wir müssen darauf hinweisen, welche Rückschlüsse wir aus solchen Daten ziehen können, und welche eben nicht.

ZEIT ONLINE: Genau wie Datenjournalismus ist auch der Investigativjournalismus ein aktueller Trend. Wie bewerten Sie diese Mode?

Drepper: Es ist natürlich nicht zu übersehen, dass immer mehr Medien ihre Rechercheressorts prominenter präsentieren oder sogar neue Ressorts aufmachen. Eine zweischneidige Entwicklung. Einerseits bauen Verlage Personal ab, und dadurch nimmt die Recherchekraft grundsätzlich ab – denn jeder Journalist, der vernünftig arbeitet, recherchiert auch vernünftig. Andererseits hat es positive Auswirkungen, wenn ein kommerzielles Medienunternehmen sein Investigativressort ausbaut, weil es das Vertrauen in die Marke stärkt. Macht zu kontrollieren und Missstände aufzudecken, schafft Vertrauen und Engagement der Bürger.

"Man kann niemanden mehr zwingen, für Journalismus zu zahlen"

ZEIT ONLINE: Vielleicht ist der Investigativjournalismus auch deshalb so beliebt, weil er auf einen Aspekt journalistischen Arbeitens verweist, den Leser selber nicht erfüllen könnten?

Drepper: Grundsätzlich könnten sie das ja, wenn sie das entsprechende Training erhielten. Unserer Einschätzung nach unterscheiden sich Journalisten und Bürger abgesehen von diesem Training gar nicht. Deshalb ist es Teil unserer Strategie, interessierte Bürger mit den Grundzügen investigativer Recherchearbeit vertraut zu machen und sie bei ihren Rechercheansätzen zu unterstützen. Kürzlich habe ich auf einer Veranstaltung zum Thema "Lokale Medienlandschaft und kommunale Demokratie" extrem interessierte, aber auch extrem medienkritische Besucher erlebt. Zustimmende Reaktionen gab es immer dann, wenn es darum ging, Bürger zu befähigen, auch selber an Informationen zu kommen. Je mehr Leute sich für den öffentlichen Zugang zu relevanten Informationen einsetzen, desto besser. Deshalb geben wir auch Seminare zum Thema Informationsfreiheit und Auskunftsrecht. Eigentlich ist das, was Journalisten machen, eine Aufgabe, die auch Bürger übernehmen können, wenn sie Interesse daran haben und ein bisschen ausgebildet werden.

ZEIT ONLINE: Zielt auch Ihr neues Projekt, die Crowdfunding-Plattform für individuelle Recherchen, darauf ab, diese Befähigung von Nichtjournalisten zu fördern?

Drepper: Auch, ja. Bei uns können sich Journalisten mit Projekten bewerben, aber auch Bürger. Wenn das Projekt realistisch umsetzbar ist, wenn der Rechercheplan zeigt, dass jemand weiß, wovon er spricht – dann ist das egal, ob das ein Journalist ist oder ein normaler Bürger. Dann setzen wir das Projekt gerne gemeinsam um.

ZEIT ONLINE: Was wäre ein Recherchebeispiel, das die Funktion und Wirkung von Investigativjournalismus anschaulich macht?

Drepper: Im März dieses Jahres haben Reporter des Miami Herald ein Problem aufgedeckt, das nie in einer Statistik aufgetaucht und nie jemandem aufgefallen war: Tode von Kindern medikamentenabhängiger Eltern. Die Reporter haben dafür Akten aus sechs Jahren von toten Kindern aus Familien untersucht, die schon einmal Probleme mit dem Jugendamt hatten. Am Ende haben sie nicht nur ein Problem aufgedeckt und die dafür Verantwortlichen ausgemacht, sie haben auch die Geschichte jedes einzelnen dieser 477 Kinder aufgeschrieben.

ZEIT ONLINE: Bei Correct!v spielt die Community eine wichtige Rolle. Wie genau sieht die aus? In welcher Form können und sollen sich Ihre Mitglieder an Ihren Recherchen beteiligen?

Drepper: Als Community-Mitglied hat man Kontakt zu allen Correct!v-Mitarbeitern, man erhält Zugang zu Quartalsberichten, Rechercheprotokollen und Dokumenten, die wir andernorts nicht veröffentlichen. Das ist etwas für Leute, die sich für unsere Arbeit interessieren. Für andere Journalisten und für interessierte Bürger. Außerdem wollen wir Mitglieder konkret an Themen beteiligen. Das fängt damit an, dass sie darüber abstimmen können, welches aus einer Liste von vorgeschlagenen Themen wir angehen sollen. Und natürlich hoffen wir, dass wir für größere, langfristige Rechercheprojekte Partner in unserer Community finden, die uns mit ihrer Expertise zur Verfügung stehen.

ZEIT ONLINE: Ihre Finanzierung setzt sich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen zusammen. Warum nicht Leser grundsätzlich zahlen lassen für ein Produkt? Warum mit einer zumindest teilweise ungesicherten Finanzierung durch Spenden leben?

Drepper: Ich glaube, dass man Leute nicht mehr dazu zwingen kann, für Journalismus zu zahlen. Zum einen, weil man unendlich viel umsonst bekommt. Man blättert ein Heft am Kiosk durch, lässt sich von einem Freund einen Artikel kopieren oder abfotografieren. Und im Netz findet sich immer ein Ort, wo man die gewünschten Informationen kostenlos bekommt. Deshalb muss man Leser überzeugen und motivieren, für etwas zu zahlen, was sie gut finden. Dabei muss nicht nur der Journalismus stimmen, sondern auch das Umfeld. Man muss zeigen, wer man ist, sich als Person zu erkennen geben, seine Leser einladen, eine Beziehung schaffen.

ZEIT ONLINE: Warum gibt es einen Ethikrat? Können die Correct!v-Akteure ihre Ethik nicht selber im Auge behalten?

Drepper: Es muss eine Instanz geben, die als Korrektiv fürs Korrektiv fungiert. Vertrauen ist gut, aber es braucht auch Kontrolle. Wenn jemand einen Fehler macht und nicht dafür einstehen will, dann muss es jemanden geben, der dieses Einstehen einfordert.

ZEIT ONLINE: Bodo Hombach ist Vorsitzender des Correct!v-Ethikrates und zugleich Vorsitzender der Brost-Stiftung, die als Initial- und Hauptinvestor auftritt. Er "achtet auf das Erbe von Anneliese Brost", heißt es auf der Homepage. Sind da keine Interessenskonflikte zu befürchten, wenn derjenige, der das Geld gibt, auch über die inhaltliche Ausrichtung wacht?

Drepper: Im Ethikrat werden voraussichtlich 17 Leute sitzen, davon zwei Vertreter der Stiftung, da sind wir entspannt. Wer drei Millionen Euro investiert, will wissen, was mit seinem Geld passiert, das finden wir legitim.