Seit mehr als zwölf Jahren helfe ich als Arbeitsvermittler Langzeitarbeitslosen dabei, wieder ins Berufsleben zurückzukehren. Da muss man eine Menge aushalten. Nicht etwa von den Hartz-IV-Empfängern, sondern von der Politik. Wenn Sie gesagt bekommen, Sie hätten multiple Vermittlungshemmnisse, würden Sie dann vor Selbstbewusstsein strotzend die nächste Bewerbung angehen?

Zu den Vermittlungshemmnissen zählen die Jobcenter u. a. gesundheitliche Einschränkung aller Art, das Lebensalter (damit sind auch junge Menschen gemeint), die Berufserfahrung (oder auch die fehlende), Qualifikationen (zu viele oder zu wenige), die Herkunft, Kinder, die Qualität der Stationen im Lebenslauf und sogar der Wohnsitz.

Für Hartz-IV-Empfänger ist die Konfrontation mit der niederschmetternden Diagnose Vermittlungshemmnisse Alltag. Selbst diejenigen, die eine oberste Fürsorgerolle innehaben, stigmatisieren Menschen im Hartz-IV-Bezug pauschal als schwer vermittelbar. So drückte sich zuletzt wieder der talkshowerprobte Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, aus.

Noch schwerer wiegt, dass Bundesarbeitsministerin Nahles Hartz-IV-Empfängern ab kommendem Jahr sogar Betreuer zur Seite stellen will. Doch welcher Arbeitgeber interessiert sich ernsthaft für Bewerber, von denen selbst Bundesministerin Nahles pauschal sagt, sie hätten schwerwiegende persönliche Probleme? Was für die eigene Profilierung gut sein mag, errichtet zwischen Arbeitgebern und Hartz-IV-Empfängern eine nahezu unüberwindliche Mauer.

Es ist falsch, Hartz-IV-Empfänger gleichzusetzen mit arbeitsmarktfernen langzeitarbeitslosen Menschen. Sicher, es gibt im Hartz-IV-Bereich Personen, die besser im Sozialamt aufgehoben wären. Aber das ist die Minderheit. Weiß die Ministerin wirklich nicht, dass weit über die Hälfte der Hartz-IV-Empfänger einen Facharbeiterabschluss hat? Während auf den Monitoren der Jobcenter-Mitarbeiter Balkendiagramme mit angeblichen Vermittlungshemmnissen flackern, werden die multiplen Begabungen, Talente und Einsatzmöglichkeiten der Arbeitslosen übersehen.

Sogar die eigenen, zum Teil sehr fähigen Mitarbeiter der Jobcenter werden durch die Strukturen und Vorschriften blockiert. So ist es den Arbeitsvermittlern in vielen Jobcentern untersagt, sich direkt bei Arbeitgebern für Arbeitslose einzusetzen, weil dies die ureigene Aufgabe der Bewerber sei. So aber werden die Jobcenter selbst zu multiplen Vermittlungshemmnissen. Letztlich mangelt es nicht an potenziellen Fachkräften, sondern an einer fachgerechten Vermittlung der verfügbaren Potenziale. Wir brauchen deshalb dringend eine Reform der staatlichen Arbeitsvermittlung.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Jobcenter gemacht? Erzählen Sie uns entweder im Kommentarbereich davon oder per E-Mail an leseraufruf@zeit.de, Betreff "Jobcenter". Eine Auswahl der Einsendungen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.